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  Das Onlinetagebuch von Harald Blüchel - Alle Rechte (ausser Zitate anderer Personen) bei Harald Blüchel - Verwendung/Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors
 
   
 
23.November.2008 07:25:46pm [Harald]
im herbst
116 - im herbst


im herbst strahlen die blätter der bäume in tausend farben.
die blätter der bäume, die der wind in wunderschönen flugbahnen
durch die luft trägt, bis sie irgendwann hinab auf den boden schweben.
sehe ihnen dabei von einer parkbank aus stundenlang zu.

im gehen raschelt das laub unter meinen füssen.
wie das riecht: das laub in nebliger feuchtigkeit.

freue ich mich über den frischen wind, der mächtig in mein gesicht weht,
trommeln regentropfen-staccati auf meiner kapuze,
bin ich dankbarer für die sonne, die sich nun
rar, zurückhaltend und in ganz anderem licht gibt.
spielen am himmel die wolken die hauptrolle.

im herbst kann ich endlich wieder in mäntel und lieblingspullover schlüpfen,
fühle ich mich in meiner kleidung angenehm beschützt und geborgen.
holen die frauen ihre hohen stiefel heraus, umhüllen ihre beine mit schickem nylon.

selbst in den städten wird es stiller,
brauche ich nicht ständig vor groben lautheiten zu fliehen,
werden die grellen signale durch den nebel gedämpft,
scheinen sogar die mobiltelephone leiser gestellt,
wird das stupende gesäge der hochtourigen automotoren vom
silberschweifigen sirren durch pfützen fahrender reifen überspielt.
.

im herbst fängt die zeit an, sich auszudehnen,
ist mehr raum, die dinge auf sich wirken zu lassen.
wäscht der regen den dekorativen putz von den fassaden.
packen die menschen ihren allgemeinen frohsinn, ihr zwanghaftes vergnügt- und aktiv-sein zu den sommersachen in den schrank,
ist ihr treiben zurückgenommen, verlangsamt, heruntergestimmt.


der herbst ist die einzige von der werberbung noch nicht enteignete jahreszeit.


sind in den abendstunden die verregneten strassen, die dunstigen plätze fast leer,
kann ich in ihnen spazieren wie in einem einsamen wald.
sehe ich in die beleuchteten fenster, verschwimmen milchig scheinwerfer, leucht-reklamen, ampeln und strassenlaternen mit den umrissen von gestalten und gebäuden.
beglückt mich die vorstellung, nach einem langen spaziergang in eine
warme wohnung zu kommen und dampfenden chai zu trinken.
lese ich die bücher eingehüllt in einer wolldecke.
klingt der flügel fluoreszierender, dunkler, romantischer,
sind die stunden mit ihm offen - unendlich,
sehnen sich ohren und hände nach schumann und chopin.


wird es manchmal den ganzen tag nicht richtig tag.
fühle ich mich trotzdem klarer, wacher und gesund.
kämpfe ich weniger mit den gedanken, zu distanziert zu leben.
spricht nichts dagegen, meine meinigkeit anzuerkennen.
stellen sich die fragen nach zuviel oder zuwenig nicht,
verstummen die von aussen hereingetragenen und doch selbstproduzierten stimmen.
löst sich unruhe auf in konzentration.
geniesse ich darum in vollen zügen das, was ich tue.
erlebe es intensiv, präzise, organisch.
bin gegenwärtiger und zufriedener.


im herbst strahlen die blätter der bäume in tausend farben.




(November 2008)

20.July.2008 01:16:46pm [Harald]
Zum 70. Geburtstag meines Lieblingsonkels
Lieber H.,

in der Biografie eines jeden Menschen gibt es ein geflochtenes Band von Situationen, deren Erlebnisse unauslöschlich in unserem Gedächtnis aufbewahrt werden. Wir nennen sie Schlüsselerlebnisse, weil wir uns in der Retrospektive der Tatsache bewusst werden, dass sie einen bestimmenden Einfluss auf unser Leben ausgeübt haben. Ohne diese Eindrücke wären wir nicht die, die wir sind, oder etwas vorsichtiger formuliert, die, die wir glauben zu sein.

Bestimmenden Einfluss auf unser Leben hatten und haben sie, weil sie uns aus einer expliziten Situation heraus dazu inspirierten, die gemachte Erfahrung wiederholen zu wollen. Sie liessen uns eine neue Lebens-Entdeckung machen, schoben eine Entwicklung an, weckten eine bis dato noch verborgene Leidenschaft, lenkten uns bewusst oder unbewusst, eine bestimmte Kursrichtung auf unserem Lebensweg einzuschlagen.



1. Die wunderbare Welt der Bücher

Ein Raum in einer Altbauwohnung. Ein in einem „L“ angeordnetes, bis zur hohen Decke reichendes Regalsystem aus massivem Holz, in dem eine unzählbar große Menge von Büchern beheimatet ist. In seltsamen Formationen stehen sie in den Regalen: manche in Grösse und Farbe uniform, ordentlich aufgereiht in Reih und Glied wie eine kleine Armee, andere, vor allem die großen, in denen mehr Bilder und Fotos als Buchstaben zu sehen sind, quer aufeinander geschichtet, wieder andere sind zusammengestellt wie ein unendlich langer Güterzug, der aus vielen verschiedenen Wagontypen besteht.
Dieser in gedämpftes Licht gehüllte Raum, wird komplettiert mit einer grünen Sitzgarnitur bestehend aus zwei Sesseln, einem langen, in seiner Höhe verstellbaren Tisch und einer Couch. Mindestens auf einem der Sessel, sowie auf dem Couchtisch stapeln sich eine weitere Anzahl von Büchern zu kleinen Türmen. Auf der Couch liegst Du, in ein Buch vertieft; auf dem Boden sitzend tue ich es Dir nach. Es ist wunderbar still. Ein friedliches Zusammen-Sein zwischen den Büchern, ihren Ideen und Dir und mir. Es wird wenig gesprochen. Es muss nicht gesprochen werden. Es muss kein Fernseher laufen und oder ein Radio plappern. Es ist alles da, was mein Herz begehrt. Du liest in Deinen Büchern und ich habe mir meine aus den Regalen geholt, auch wenn ich die Buchstaben noch nicht verstehen kann, so ist mein Aufbruch in die Welt der Bücher schon in diesem Alter von etwa vier Jahren vorgezeichnet. Unterstützt und gefüttert von den wundervollen Märchen und Geschichten, die ich vorgelesen bekam. In der Schule hatte ich von Anfang an ein empathisches Verhältnis zu Sprache und Text. Ich las und las. Mein Einstieg in die grosse Literatur waren Werke von Grass und Böll – da war ich dreizehn. In der Mittelstufe des Gymnasiums machte ich Bekanntschaft mit Frisch, Brecht, Eich, Enzensberger, Jandl, Borchert, Büchner, Tucholksky. All das wurden Freundschaften und Quellen der Erkenntnis für`s Leben! Zu meinem 16. Geburtstag schenktest Du mir eine Hesse Gesamtausgabe. Mit siebzehn stibitzte ich Dir die „gesammelten Erzählungen“ von Thomas Mann, zur gleichen Zeit verliebte ich mich in Beauvoir und Sartre. Und so ging es weiter und weiter. Bis heute. Bis heute und solange ich leben werde.

Was hat Dich in den Bann der Bücher gezogen ? Welche Motive standen dahinter ? Es muss auch bei Dir Schlüsselerlebnisse gegeben haben. Kannst Du Dich daran erinnern ?









2. Die wunderbare Welt des Reisens

Derselbe Raum. Manchmal müssen die Bücherstapel vom Tisch geräumt werden, um den Platz freizuschaffen für kleine Rähmchen mit Glasfenstern , weiße seltsam gerillte Plastikbehälter und Papierbögen, in denen jeweils 36 kleine Bilder befestigt sind. Dann sitze ich neben Dir auf dem Sofa und sehe Dir dabei zu, wie Du die einzelnen Bilder erst in die Rähmchen und die dann gefüllten Rähmchen in die Plastikbehälter einordnest. Manchmal sehen wir uns diese so genannten Dias zusammen an: entweder, in dem sie bei bloßem Auge nach oben gegen die Lampe ins Licht gehalten, oder, was noch schöner ist, einzeln in den Diabetrachter gesteckt werden, der aussieht wie ein kleiner, 9mal7 Zentimeter messender futuristischer Bildschirm. Du erzählst mir von den Orten, wo Du diese Fotos gemacht hast.
Nie kann ich es erwarten, bis dann endlich der Tag kommt, an dem im Zimmer eine Etage weiter unten Leinwand und Diaprojektor aufgebaut werden und Familie und Freunde die Dias zusammen ansehen. Ich liebe die konzentrierte Atmosphäre im dann nur durch die Projektorenbirne erleuchteten Zimmer. Du erläuterst die einzelnen Diamotive, die in chronologischer Reihenfolge abgespielt, die Geschichte Deiner Reisen erzählen. Unterbrochen werden die kleinen Vorträge nur durch Fragen und Kommentare des Publikums, einem kollektiven Lachanfall, wenn sich entweder unglücklich aufgenommene, gar nicht zum Thema passende, oder auf dem Kopf stehende Dias in die Vorführung gemogelt haben. Spannend auch die Pannen, wenn sich beispielsweise ein Diarahmen im Transporttunnel des Projektors verkantet hat, oder gar die Glühbirne des Projektors mit einem lauten Knall explodiert und ausgetauscht werden muss. Angenehm in meinem Ohr die obligatorischen Geräusche: der tief-frequent summende Dauerton des Projektors, das roboterhafte Knack-Zack-Ratsch, wenn per Fernbedienung das nächste Dia vor die Linse transportiert wird oder das klagend-quietschende Summen, bei dem Versuch, ein optisch aus der Art geschlagenes Dia scharf zu stellen.
Ich sehe die Bilder von fremden Landschaften, Städten die ganz anders gebaut sind, Menschen, die anders aussehen. Früh habe ich das Verlangen, es Dir gleich zu tun: Reisen, die Sehnsucht danach, fremde Orte zu besuchen, fremde Sprachen zu hören, fremdes Geld in der Hand zu haben, andere Luft einzuatmen, anderes Klima zu auf der Haut zu spüren. Meine ersten Reisen in große Städte außerhalb Deutschlands mache ich mit Dir. Mit 12 Jahren fahren wir nach Wien, mit vierzehn Jahren zeigst Du mir London, mit sechzehn Jahren geht es nach Paris. Meine erste eigene Reise mache ich ein Jahr später in die Toskana. Es folgen die klassischen Interrail/Trampertouren in die Türkei, durch Frankreich und Spanien. Später dann kann ich meine Bestimmung und Profession auf perfekte Weise mit meiner Reise-Leidenschaft verbinden: als Musiker werde ich in nahezu jedes Land Europas eingeladen, verlebe zusammengezählt zwei Monate meines Lebens in Australien, pendle wohl 100 Mal zwischen Berlin und den USA und entdecke meine Liebe zu Latein-Amerika.

Was hat Dich in die Welt des Reisens gezogen ? Welche Motive standen dahinter ? Es muss auch bei Dir Schlüsselerlebnisse gegeben haben. Kannst Du Dich daran erinnern ? Wo warst Du am liebsten ? An welchen Orten warst Du am glücklichsten – und aus welchen Gründen ?










3. Die wunderbare Welt der bildenden Kunst

Wieder derselbe Raum. In vielen der großformatig gestalteten Bände befinden sich Reproduktionen von Gemälden und Skulpturen. Gerade in der Zeit, in der ich des Lesens noch nicht kundig bin, üben sie eine große Faszination auf mich aus. Ich kann in ihnen blättern, wie Du auch; ich kann persönliche Empfindungen und Aussagen zu ihrem Inhalt machen, denn um Bilder zu betrachten braucht man nichts anderes als Augen und Phantasie. Meine ersten großen Lieblinge entdecke ich schon in dieser Zeit: Dürer und Klee. Der eine vielleicht deswegen, weil ich eines seiner Werke auf dem grünen Fünf-Mark-Schein wieder entdeckte, der andere, weil seine Farben so zart, seine Motive so schön, seine Formen so fragil sind, dass sie mich an Illustrationen aus meinen Lieblingsbilderbüchern erinnern. Im Alter von zehn nimmst Du mich mit nach München. Das erste Mal in meinem Leben stellt sich im Lenbachhaus dieser wunderbare, stille, konzentrierte Dialog ein: zwischen mir (dem Betrachtenden) und dem Bild, beziehungsweise dem Menschen, der es gemalt hat. Durch die Räume zu gehen und dann immer wieder ein Bild zu finden, vor dem ich länger verweilen muss. An dem ich nicht vorüber gehen kann, sondern auf magische Weise angezogen werde, so als sage das Bild zu mir: „hier bin ich, Du hast mich gefunden“, oder gar: „hallo, mein Lieber: da bist Du, endlich ich habe Dich gefunden“. Der Moment des Dialogs, der Moment des Eintauchens, der Kontemplation, der Moment, wo alles andere in den Hintergrund tritt, so als gäbe es keine Um-und Aussenwelt mehr, sondern nur noch das Bild und mich. Es sind Momente der Andacht. Das Wieder-Erkennen von Welten, die sich bis dato nur in meinem Kopf abgespielt haben und die Freude darüber, dass ich mit Teilen meiner persönlichen Wahrnehmung der Welt nicht alleine bin: die zu Tränen rührenden Tiere von Franz Marc, die explodierenden und gleichzeitig absolut beruhigenden Farb-Form-Kompositionen von Kandinsky, die magisch-ruhenden Gesichtsperspektiven von Jawlensky, die Märchenfiguren von Chagall, die scharf geschnittenen Gesichter und Körper von Kirchner, die göttliche Klarheit und Einfachheit der Skulpturen von Barlach ... Später Picasso, Beckmann, Ernst, Grosz, Dix, Schlemmer, El Lissitzky, Rodschenko, Malewitsch, Dali, de Chirico und Picabia. Noch später Lichtenstein, Rosenquist, Rauschenberg ... Anselm Kiefer, Mattheuer und Gerhard Richter... und in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse, die Zeit zurück zu gehen: Liebermann, Arnold Böcklin, Caspar David Friedrich ...


Was hat Dich in die Welt der Kunst gezogen ? Welche Motive standen dahinter ? Es muss auch bei Dir Schlüsselerlebnisse gegeben haben. Kannst Du Dich daran erinnern ? Welche Bilder welcher Künstler sind Deine Liebsten – und hast Du schon einmal in Ruhe darüber nachgedacht warum gerade diese ?






















Das sind drei Schlüsselerlebnisse, die zu bestimmenden Elementen meiner eigenen Biografie und Identität geworden sind. Und Du stehst im Mittelpunkt dieser Situationen.

Das ist für mich einer der schönsten und wunderbarsten Tatsachen des Lebens: dass das Verhalten eines Menschen inspirierenden Einfluss auf das Leben eines anderen Menschen haben kann: frei von Erziehungszielen oder Erziehungszwängen, abseits von Rechthaberei oder dem missionarischen Eifer, den anderen nach seinem eigenem Bilde schaffen zu wollen.

Es ist etwas anderes. Es ist ganz einfach die Hingabe, das Herz, die gelebte Freude, die wie ein Funke von dem einem auf den anderen überspringt – bedingungslos, absichtslos und un(ver)käuflich – es ist leben und erleben an sich ...
So wird – wie Beuys es wunderbar auf den Punkt gebracht hat- „die Flamme weiter getragen“. Und in jedem, der sie aufnimmt und weiter trägt, wächst aus dem vorhandenen Material etwas Neues heran. Eine Essenz, die dann in neu kombinierter Form wieder an einen Nächsten weitergereicht werden kann. Ein unerschöpflicher dialektischer Prozess. Das ist die Geschichte der Ideen, des Austauschs, des Verständnisses und der Inspiration. Das ist die Geschichte des schöpferischen Menschen. Das ist die Geschichte des Menschen, der dem Mensch ein Helfer ist.


So lebt viel von Dir in mir weiter und, wie wunderbar, viel von dir – durch mich transformiert – vielleicht auch in anderen Menschen und so wird es weitergehen ... und weiter gehen, solange es Menschen und wahrhaftige Ideen geben wird.


Dafür möchte ich Dir danken ...
ich wünsche Dir von Herzen das Allerliebste zu Deinem 70. Geburtstag


Dein Harald

22.May.2008 12:33:34am [Harald]
Exzerpte aus \\\"DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE\\\" (10)
91

da sitzt einer am strand


da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu ...

da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu, wie
abertausende vor ihm schon
den wellen zugehört haben.

den wellen, die
seit ewigkeiten von den ewigkeiten erzählen.

sie unterhalten sich
mit dem wind, mit den bäumen, mit den wolken, mit den sternen.
und wir dürfen lauschen.

die wellen wissen alles.

höre !

da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu ...

ein kleiner punkt, der irgendwann am strand aufgetaucht ist,
immer wieder mal kommt und geht,
bis er nach verschwindend kurzer zeit
für immer gegangen sein wird.

ein kleiner punkt,
der fast immer ein als ausrufezeichen getarntes fragezeichen war,
versehen
mit einem sich ewig wiederholenden
da capo al segno.

ein kleiner punkt,
der die wellen verstehen wollte und
nicht mal sich selbst verstehen konnte.


die wellen wissen alles.
die wellen, die seit ewigkeiten von den ewigkeiten erzählen.

da sitzt einer, der seit einer klitze-kleinen
ewigkeit auf dieser welt ist.
vielleicht war nichts vergebens,
vielleicht musste alles so sein, wie es war:
eine lange strecke zurück zu legen,
die voll war
von freude, angst, schmerz, liebe,
glauben, wendungen, täuschungen, suchen, finden und verlusten,
mit dem wunsch
zu sich selbst zu kommen.

sich auf den grund zu gehen,
um zu fühlen, was er selbst fühlt,
um zu denken, was er selbst denkt.

da sitzt einer am strand und
hört den wellen zu ...

07.January.2008 10:39:13am [Harald]
Exzerpte aus \"DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE\" (9)
56

IM REICH DER MITTE (I-V)


I

Angestrengtes Triumphgeheul
- vorübergehende Arbeitsplatzsicherung -
wenn die ersten Poll-Ergebnisse kommen,
für die viel Geld ausgegeben wurde,
verrechenbar mit den Lizenzeinnahmen des Künstlers.

Marionetten am Strang der Quoten.
Seilschaften der anderen Art.

Gewinnspiele für Votings.
Ersteigerte Poles am Point of Sale.

Das berühmte „Sowohl als Auch“,
die verordnete Suche nach der „goldenen Mitte“
die aber
aufregend
sexy
einmalig
sensationell
so noch nie da gewesen
sein soll.


Dafür gibt es Spezialisten des
Product-Managements, des
Marketings, der
visuellen Kommunikation.
Sie sorgen für die Kunst-volle Verpackung eines
erfolgreich entleerten Nichts.



Konstrukteure des Erfolges.
Sie machen immer einen „tollen Job“.
Für was auch immer. Ganz egal.
Doch wenn
Votings und Quotings,
Research und Polls,
Erhebungen und Umfragen
es nicht hergaben,
dann ist nur einer der Looser: der

Urheber des Produkts,
der nun auch
Urheber des Misserfolgs, der sich nun
schämen muss und mit gezwungener Lockerheit
Besserung gelobt
für das nächste Mal, wenn es überhaupt noch ein
nächstes Mal für ihn gibt.

Der Arbeitsplatz ist in Gefahr.
Die Mitte war nicht mittig genug, oder etwa
zu mittig,
zuviel Sowohl, zuwenig Als Auch
oder
zu wenig Sowohl und zu viel Als Auch
oder was ?



II

Zauberformel.
Orakelhaft,
wie eine Naturgewalt unvorhersehbar,
diese Goldene Mitte,
die schnell die gähnende Leere wird,
die Niemandem im Business eine Lehre sein kann, denn

die Bilanzen des Controllers,
die Pläne des Aufsichtsrates und
die Erwartungen der Aktionäre
sagen etwas anderes.

Die Goldene Mitte, ist
das goldene Kalb,
das göttliche Flies,
nach dem alle ganz freiwillig suchen.
Think Tanks von freien Individualisten,
eingekaufte Experten,
Macher
des Geschmacks
mit einem Riecher für das,
was ankommt.
Was ankommen könnte.
Ankommen muss.
über einen Auf-Macher
zum An-Kommer werden soll.

Aus freien Stücken bedienen sie sich der gleichen Codes.
Ganz frei entscheiden sie ganz unabhängig von einander
genau das Gleiche.

Freiheit ist immer die Freiheit der Einverstandenen.

Inhalte

frei

von
Hingabe,
Anteilnahme,
Persönlichkeit,
Irritation,
Widersprüchen,
Sperrigkeit,
Auseinandersetzung,
Kritik,
Vision,
Courage,
Chuzpe,
Mut,
Lust,
Esprit,
Emotion,
Verstand.

allerhöchstens:
Raffinesse,
Schlauheit,
Gewitztheit,
Gespür,
Professionalität;

gut kalkuliert,
klug dosiert,
witzig präsentiert,
geschickt oder frech
zusammen gerührt.

Den Anforderungen entsprochen,
die Vorgaben erfüllt,
mit präziser Selbstverständlichkeit.
Entspannt-undogmatisch-innovativ-dynamisch
die Zeichen der Zeit erkannt.


Früher sprach man – in anderen Zusammenhängen- von:
Linientreue,
Untertanengeist,
Unterwürfigkeit,
Kadavergehorsam,
Gleichschaltung,
verordneter Kunst,
Apparatschicks,
Hunderfuffzigprozentigen,
Erfüllungsgehilfen.
Verbot.
Diktat.
Zensur.


Heute ist das:
am Puls der Zeit sein,
das liefern, was die Leute wollen,
die Zeichen der Zeit und
die Herausforderungen des Marktes
erkennen und danach handeln.
Am Wettbewerb teilnehmen.
Erfolgreich sein.

Sie nennen es:
die Welt ein Stückchen schöner machen,



III


Diktat einer Ökonomie,
die sonst unablässig von
Freiheit,
Selbstverantwortung,
Mobilität,
Risikobereitschaft,
Innovation und
Ungebundenheit
schwafelt.

Übrig bleibt:
Effiziens im Sinne von Kapitalvermehrung.
Wenig Anderes.



Sprechen immerfort von der Mitte,
die wir dann als
die beste aller Welten ertragen müssen,
ganz freiwillig,
denn wir haben ja die Wahl,
denn wir entscheiden ja
über das, was im Wettbewerb stirbt und überlebt.

Und plötzlich reden sie von Sachzwängen, Gesetzen und Realitäten,
die anzuerkennen sind,
wenn sie vom freien Markt reden,
ohne die Freiheit des Einzelnen ja gar nicht denkbar.


Immer die goldene Mitte zu finden ist schwer,
wird zur Kunst
zur Kunst des modernen, zivilisiert – demokratisch - lässigen
Dolce-e-Gabbana - Duckmäusertums:
Bloß kein verkehrtes Wort,
bloß keine un-abgewogene Aüßerung.
Alles immer richtig machen,
also bloß keinen Fehler machen -
was in Wirklichkeit heißt:
nur so zu tun, als ob man eine eigene Meinung hat.
Meinungs-Simulation.

Leit-Bilder für das Album des

Panini-Pluralismus.

Die wenigeren Einen sind auf den Bildern zu sehen.
Die vielen Anderen dürfen sie sammeln, tauschen und einkleben.

Und davon träumen, selbst ein Albumbildchen werden zu dürfen.

Kommerziell,
ein immer manischeres Suchen,
eine irrsinnige Verdichtung.
Gesellschaftlich,
ein immer brutaleres Zerbröseln
dieser
Goldenen
Mitte.



Zauberwörter, die nichts anderes sind als codierte Regulationsgebote:
Political Correctness
Pluralismus
Toleranz
Respekt
Ausgewogenes Urteil
Kompetenz
Zivilisation
Wertegemeinschaft.



IV


Du, der Interpret,
der erst
tönen durfte und
tönen sollte, wie
toll und schön das alles ist.
Von den Machern im Hintergrund aufs beste
be-raten
unter-stützt,
re-touchiert,
auf-gebaut,
stil-isiert,
hoch-gehoben.
Bis Du selbst daran glaubtest,
dass es so ist.
Dass Du so bist –
Weil alle so sind.
Weil sich alle
so darstellen-
wenn sie Erfolg haben wollen.

Wenn es nicht gereicht hat,
wenn Dich der Markt ausgespuckt hat,
stehst Du nackt da.
Da ist die Öffentlichkeit gnadenlos.
Wenn auf den roten Knopf gedrückt wird.
Die schlimmste Demütigung.
Wenn Du hinter Deinem Rücken das verächtliche Getuschel hören mußt,
wenn Du in schmerzhaft-laute, direkte Häme der gelangweilten oder johlenden Meute blicken musst,
die einen Tag vorher schon in den Blättern stand,
wenn alle Sprüche, die -so gut gemeint- ins Image passten,
zum Boomerang werden.

Dann bist Du
nicht mehr

„die Sensation“,
„der neue Shooting Star“,
„das Beste seit XYZ“,

sondern

eine Lachnummer.
Der letzte Dreck.
Ausschuß.

Es fällt Dir schwer, das zu verstehen,
es fällt Dir schwer, Dich neu zu ordnen,
denn Dein Gesicht kannst Du nicht überschreiben.
Jetzt musst Du Dich wieder eingliedern,
ohne Bewährungshelfer,
in die 2. Klasse.
Ein Downgrade aus der schwindelnden Höhe hinab.


Man hat es Dir nicht abgekauft.

Du hattest Deine Chance.
Du hast sie nicht genutzt.
Oder ?
War doch fair.
Oder ?
Nicht jeder kann Oben stehen.
Oder ?
Denn dann gäbe es ja kein Oben.
Oder ?
Kein Oben und Unten.
Oder ?
Und wo es kein Oben und Unten gibt,
gibt es auch keine Freiheit.
Oder ?
Denn Gleichheit und Freiheit,
das passt nicht zusammen.
Oder ?
Entweder oder.
Oder ?
Also,
wo kein Oben und Unten,
da auch keine Freiheit.
Und folglich auch keine Goldene Mitte.
Oder ?






V


Die Ödnis im Reich der Mitte.

Parteienlandschaft,
Fernsehlandschaft,
Radiolandschaft,
Zeitungslandschaft,
Meinungslandschaft,
Produktlandschaft.

Vorabendserien,
Klatschkolumnen,
Quizsendungen,
Wahlveranstaltungen,
Fussgängerzonen,
Volksbefragungen,
Streitgespräche,
Gewinnspiele,
Gewerbegebiete,
Flurbereinigungen,
Hotelketten,
Ladenketten,
Verwertungsketten,
Firmenfamilein,
Produktfamilien,
Discounter,
Freizeit-Paradiese,
Flughafenhallen,
Erbauungsliteratur,
Eventkultur,
Erlebnisparks,
Lange Nächte,
Lounges,
Verkaufsoffene Sonntage,
Sonderaktionen,
Strukturaufbau,
Firmenallianzen,
Werbeslots,
Finanzspritzen,
Dienstleistung
Preisleistung,
Kundenfreundlichkeit,
Info Center,
Service Center,
Call Center,
Wellness Center,
Smart Design,
Product Design,
Think Tanks,
Coaching, Consulting, Commerce and more,
all in one,
all inclusive,
pay one, get three,
get it all,
hot line,
toll free,
feel free,
feel the difference,
make the difference,
think different,
be different,
be yourself,
be real,
just be,
lets make things better,
for a better world,
better price, better look,
we care,
we understand,
we love you,
I love it.





(1.Oktober 2006)

05.January.2008 11:48:33am [Harald]
Problematik „Neue Cosmic Baby – Alben nur per Download“: ein stellvertretender Briefwechsel
Hallo Harald ,

nach einem Stressigen Arbeitsjahr hab ichs mal wieder auf deine Seite geschafft und mit Freuden gesehen daß zwei neue Releases im Oktober kamen...ohne viel zu lesen gleich zu buch.de...bestellen...nix..doh.
Weitergelesen....und da steh ich nun ich armer Tor. Downloadalbum. \"WTF!!!\" - war mein erster Gedanke..dann kam lange keiner mehr, ich war einfach nur sprachlos.
Dann kam mir sofort in den Sinn, daß ich grad von nem Konzertabend mit den Münchner Symphonikern kam - würde man sowas durch mp3 quetschen und geniessen können?
Ein Chopin, Liszt, Grieg von sehr guten Professionals erarbeitet und wunderbar reproduziert ...nein, sowas gehört sich nicht. Sollte es die Deutsche Grammophon je wagen ?
Ok, man könnte ja sagen, man sollte Cosmic Harald nicht damit vergleichen, zumal es ja \"nur\" elektronische Musik. Aber hey, so ist doch nicht dein musikalisches Selbstverständnis ?
Hast du die mp3s mal an deinen Monitoren gehört? Wenn du mir sagst, da sei kein Unterschied zum Original zu hören, werde ich meine Meinung evtl überdenken.
Nur bilde ich mir ein, daß die Stellar Supreme Clubmixes, die ich mir 1995 glücklicherweise auf VHS-Tape sichern konnte, bis heute die beste Dynamik beim „Space Track“ haben.
Auch die Futura, oder Andorra, klingen codiert teils beschnitten - mp3 ist eben nur für \"plastik\"-Musik geeignet, zum vorbei-, aber nicht zum hinhören.
Lange rede kurzer Sinn: gibt es iiiirgendwann iiiirgendeine Chance an eine CD zu kommen. 256kbit vbr mp3 ist zwar recht ordentlich, aber kann es sein, daß das die einzige Alternative ist ?

Ein Lob muss ich zumindest für die DRM-freien Downloads aussprechen. Da ich aus diversen Gründen nur Linux Computer habe, hätte ich mit DRM ein Problem gehabt.
Ich hoffe aber mich nicht weiter mit musicload auseinandersetzen zu müssen - wird es irgendwann CD-Releases geben? PLEASE :-)
Falls es keinen offiziellen Release auf CD geben sollte, wäre es möglich an ordentliche Wavs zu kommen ? Würde ja Post und Aufwand entsprechend vergüten.
Muss ja nichts gepresstes sein, gebrannt nehm ich auch, oder von mir aus als flac oder ape komprimiert...aber irgendwas verlustfreies wär nett.
Weiterverbreitung meinerseits ist sicher ausgeschlossen, falls es hier irgendwelche Bedenken geben sollte.

Hey, wir lieben es, ne gute CD in den Händen zu halten und wie einen Schatz zu pflegen und zu hegen um dann den vollen Genuss zu haben...lass uns nicht hängen ;-) - Reich uns nen Strohhalm.

Liebe Grüsse aus M.,

XXX



Lieber XXX,

ich verstehe Deine Gedanken sehr gut und bedanke mich für die Wertschätzung. So möchte ich versuchen, Dir die Problematik, die Du ansprichst, aus meiner Sicht heraus zu beschreiben.

Dass ich dadurch sowohl für den Musikliebhaber Einschränkungen in der Tonqualität mache, als auch die Politik der Besitzer der jeweiligen Plattformen dabei unterstütze, ihre eigenen Intentionen ( Kopierschutz, Zwang zum Kauf ihrer bevorzugten Abspielgeräte etc.) durchzusetzen, ist mir sehr bewußt.

Die Entscheidung, beim CB-Katalog auf Downloads zu setzen, ist ein Kompromiss. Er hat vor allem zwei Gründe:

a) Organisatorisch: nur auf diese Art schaffe ich es, das gesamte CB-Werk für jeden auf der Welt (der einen Computer hat...) direkt zugänglich zu machen, ohne dabei die Autonomie über das \"was\", \"wie\" und \"wann\" zu verlieren. Desweiteren kann ich auf diese Weise die Organisations- und Verwaltungsarbeit alleine bewältigen. Beides ist gut und wichtig für mich.

Ich glaube, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sich -schon angefangen bei Musikredaktionen der Medien - über die sogenannten \"Vertriebschefs\" bis hin zu den \"Entscheidern\" bei Plattenfirmen (egal ob \"independent\" oder \"major\") diese Leute einem Musiker gegenüber verhalten:
ich bin es seit langem so was von leid, mich mit diesen Stereotypen von \"Promotion\", \"Point of Sale\", \"Marketing\", \"Käuferprofilen\", \"Charts\", \"Verkaufs- fenstern, -argumenten, -regeln, -strategien“ etc. auseinander setzen zu müssen.
Eine Produktion wie beispielsweise \"works 1996.1\" würde keine Plattenfirma auf der Welt (ja nicht einmal ein guter Vertrieb) so, wie ich es möchte auf den sogenannten \"Markt\" bringen ...
Als Konsequenz bleibt nur die komplette Autonomie und für die ist im Gegenzug der Preis des \"kleine Brötchen Backens\" zu zahlen.

b) aus der - wohl überlegten und hart erarbeiteten - Konsequenz heraus, es künstlerisch ( und damit auch strukturell ) \"anders\" machen zu wollen, muss ich also akzeptieren, mich wirtschaftlich in einem sehr kleinen Rahmen zu bewegen.
Und so ist für mich finanziell leider nicht drin, die entsprechenden Werke allesamt als echten Tonträger zu produzieren.
Bei der CD-Produktion muß mich in absehbarer Zukunft erst einmal auf die Harald Blüchel-Projekte konzentrieren. Ohne in irgendeiner Form die Cosmic Baby Werke herunterschmälern zu wollen, aber meine künstlerische Gegenwart & Zukunft sehe ich dort...

Das Thema an sich wird aber niemals abgeschlossen sein. Ich hoffe, dass sich im Laufe der Zeit Wege finden lassen, alternativ zum Download, auch die haptischen Tonträger realisierbar machen lassen.


Liebe & respektvolle Grüße und Dank mit der Bitte um Verständnis
Harald

31.December.2007 05:41:25pm [Harald]
Inventur
Inventur


Dies sind meine Kleidungsstücke,

dies sind meine Schuhe,

hier meine Haushaltsgeräte, Besteck und Geschirr.

Hier ist mein Bett, mein Schreibtisch, meine Sitzmöbel,

dies sind meine Schränke und Regale.

Dies sind meine Pflanzen.

Dies sind meine Stereoanlagen, Radios und Abspiel- und Aufnahmegeräte,

dies sind meine Computer, Festplatten und Softwarelizensierungen.

Hier sind meine Akten, Steuererklärungen, Verträge, Zeugnisse und Pressearchive,

hier mein Bankkonto, meine Kreditkarten und Ausweise.



Dies sind meine Schallplatten, Audio- und Videocassetten, meine Cds und DVDs.

Hier sind meine Fotos, Poster, Drucke und Bilder.

Hier sind meine Bücher.

Hier sind meine Briefe.

Hier sind meine persönlichen Aufzeichnungen.

Hier sind meine Erinnerungsstücke.


Dies ist mein Flügel.

Hier ist mein Klavier.

Dies sind meine E-Pianos.

Dies sind meine Synthesizer.

Hier sind meine anderen Instrumente, Mischpulte und Studiogeräte.

Dies sind meine Noten, meine DAT-Cassetten , meine Masters und Sicherungskopien.







Dies sind meine Erinnerungen.

Hier sind meine Träume,
meine Grundsätze,
meine Ängste,
meine Gebote und Selbstverbote,
meine Beklemmungen,
meine Bestimmungen,
meine Begabungen,
meine Unfähigkeiten und Unsicherheiten,
meine Freuden,
meine Eitelkeiten,
meine Selbst-Verleugnungen und Selbst-Versicherungen.
Mein Weinen und mein Lachen,
mein Dunkel und mein Strahlen.


Dies sind meine Erfahrungen.

Meine Irrtümer und Illusionen,
meine Wünsche und Erwartungen,
meine Ideen vom Leben,
dies sind die Rollen, in die ich schlüpfte, die ich einübte und ausprobierte,
in denen ich glaubte, Erfolg zu haben oder gescheitert zu sein.
Hier sind meine Abgründe, Brachen, Schneisen und hartnäckigen Widersprüche.
Hier sind die kleinen und großen Bündel des reinen, erlebten Glücks.

Hier sind die Fesseln und Knebel,
die Durchstöße zum Licht,
das Sinken in die Tiefe.
Hier sind die Belastungen,
dies die Geschenke,
die Werkzeuge und Schablonen
die Bedingungen und Möglichkeiten,
mit denen ich ausgestattet wurde.


Hier ist meine Dankbarkeit.
Hier ist mein Zorn und meine Empörung.
Hier das unsterbliche Gedenken an die Vielen, die mit allem, was sie hatten
aufbrachen, um für ihre Überzeugungen und Gefühle zu leben und dafür einstanden.

Hier sind die, die mir Nahrung gaben.

Dies ist meine Verzweiflung,
dies mein Esprit,
dies sind die Wunden und Narben,
dies meine Eifersüchteleien und Kleingeistigkeiten.
Hier liegt die Hoffnung auf ein selbst-bestimmtes Leben,
die nie aufhörte, zu existieren.


Hier sind die Wohnungen und die Orte,
an denen ich aß, arbeitete und schlief.

Hier sind die Landschaften,
an denen ich sein durfte,

dies sind die Düfte, die Regen, die Sonnenstrahlen, der Schnee,
die Lüfte, die an meine Sinne kamen,

dies sind die Bäche, Flüsse und Meere,
dies die Gärten, Felder, Wälder,
die Gebirge, die Ebenen, die Tiere;
dies sind die Farben, die Wolken, Himmel und Sterne.


Hier sind die unendlich vielfältigen Klänge.

Dies sind die Menschen, die mir begegnet sind,
denen ich begegnen musste,
denen ich begegnen durfte.

Die ich liebte und oder
immer lieben werde.

Hier sind die Menschen, die mich täuschten,
hier die, die ich enttäuschte.

Hier sind die Menschen,
die mir gaben und denen ich geben konnte.

Hier sind die unverwechselbaren, kostbaren Augenblicke,
in denen ich spürte, dass ich lebe.


Hier sind die Augenblicke,
in denen ich liebte,
dies sind die Augenblicke, die ich
immer lieben werde.


Dies sind die Dinge oder die Rückstände der Dinge,
die ich gefühlt, gedacht, gesagt, gemacht oder getan habe,
die ich gewesen oder in denen ich fehlgegangen bin.

Hier ist die im Leben gewachsene Selbst-Verständlichkeit,
der Substanz zu vertrauen
und nicht den Gegenständen.

Strich.

Hier ist das, was ich gerne wäre.

Strich.

Dies ist das, was ich sein kann.

Strich.

Dies bin ich.
Hier lebe ich.
Hier bin ich.
Jetzt.



(Dezember 2007)

20.June.2007 05:30:46pmHarald [Harald]
Gedanken zu myspace.com
My Space...

My space... Myspace... myspace ...
Bist Du schon auf myspace ?
Was, Du bist bist noch nicht auf myspace ?

In letzter Zeit kam dieses Thema in Gesprächen mit Kollegen und Publikum überraschend häufig auf. Und als „Sahnehäubchen“ fand ich dann eine Cosmic Baby – Seite im Land dieser unbegrenzten Möglichkeiten: mit Bildern, Musik und „Freunden“ ... ohne irgendetwas dazu getan zu haben.
Zeit, über das Thema ernsthaft nachzudenken.

Ausgangspunkt: ich habe eine Webseite. Meinen autonomen digitalen „space of mine“. Der funktioniert ganz gut ohne blinkende Banner, vernetzte Nutzerprofile und aussagelosen „ich habe 7855 Freunde“ - Kokolores.
myspace hingegen scheint mir das genaue Gegenteil eines „My Space“ zu sein: das Angebot der eigenen Präsentation als Köder, „meinen Raum“ einem großen Nichts zu übergeben, dem sich schon viele andere übergeben haben und sich folglich noch mehr andere übergeben werden, weil sie glauben, ansonsten etwas zu verpassen.

Diese unendlichen vielen „myspaces“ befinden sich summarisch im Besitz und somit unter der Kontrolle des gegenwärtig mächtigsten Medienmoguls dieses Planeten. Einem Kerl, der entscheidend beeinflusst, was politisch und gesellschaftlich „Sache ist“ und diesen Einfluß Kraft seiner (auch durch den Kauf und Besitz von myspace) noch steigenden Macht weiter in die Höhe treibt. Dieser Herr hat sich im Verbund mit einigen anderen Herren vorgenommen, die ganze Welt zu seinem „My Space“ zu machen – die reale Welt wohlgemerkt.

„Na und“, sagen die Mitglieder schein-souverän, „was kümmert mich Murdoch, es geht doch um mich. Myspace ist ein gutes Werkzeug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und außerdem haben doch alle anderen auch Spaß dran“. Es wird amüsiert-augenzwinkernd und gleichzeitig kaltschnäuzig-wichtig von einer „win-win-Situation“ geredet. Daran glaube ich beim bestem Willen nicht: eher fällt mir das Bild der Armada von Telekom – Kleinaktionären ein, die Anfangs auch von dem Gedanken berauscht waren, das (kleine) große Geld machen zu können ... bis am Ende ein großer geprellter Haufen von „Losern“ auf der einen und eine kleine Riege von exklusiven „Winnern“ auf der anderen Seite übrig blieb.

Warum war es Herrn M. im Juli 2005 580 Mio $ wert, „myspace“ zu kaufen ?
Doch sicher nicht aus der Freude an „unabhängiger Musik“ .
Man muß sich nicht besonders anstrengen, um spontan auf drei Gründe zu kommen:
A) Bindung immer größerer Nutzerzahlen an das eigene System und Ausbau der führenden Marktposition gegenüber Konkurrenten.
B) Je mehr Nutzer, desto höher die Preise für die Werbebanner.
C) Die Öffentliche Präsentation der Nutzer und deren soziale Verknüpfung untereinander schaffen dem, der sie total und exklusiv auswerten kann wunderbare Soziogramme, die sich herrlich mit anderen Datenpools kombinieren lassen:

„Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos: Die Kombination mit Finanzdaten von Banken, Grundbucheinträgen, Einkaufs- Rabattkarten, Handy- und Kreditkartenabrechnungen verspräche mittelfristig, die Bürger durch selbst zugelieferte Daten wahrhaft transparent zu machen.“ (Spiegel online, 9.Juni 2006).
Wahrhaft eine Traumvorstellung der wirtschaftlichen und politischen Eliten ! Unter diesem Licht besehen bleibt da von „Win – Win“ nur noch ein fader Beigeschmack übrig.

Im ganz Kleinen, Persönlichen gilt: es gibt Menschen, die über „Cosmic Baby“ zu (guten) Bekannten von mir wurden, einige sind heute „Freunde“ im ganz klassischen Sinne . Darüber hinaus scheint es eine Menge Leute zu geben, für die die Musik an sich einen gewissen persönlichen Wert darstellt, ohne dass sie dabei einen virtuellen Kommunikationsleithammel brauchen, um sich über diesen nach dem „Malen- nach-Zahlen“- Prinzip definieren bzw. präsentieren zu müssen. Ihnen scheint als Quelle die Musik und mit ihr verbundene kognitive Inhalte zu genügen.

myspace isn`t My Space isn`t Your Space : it`s murdochspace


nimm nicht die rolltreppen ...

13.May.2007 05:35:09pm [Harald]
Exzerpte aus "DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE" (8)
67

nimm nicht die rolltreppen



nimm nicht die rolltreppen,
wenn du auch gehen kannst;
denn sie geben nur vor, dir dein leben zu erleichtern:
sie machen dich zu einem trägen automaten,
bewegungslos und leblos.
nimm lieber die stufen,
bei denen du
mit jedem herzschlag und atemzug
spürst, dass du
lebst,
auch wenn es mühe macht-
im sinne des easy going oder
der selig-machenden effizienz.

sieh den an dir vorbei ziehenden gestalten in die augen:
was siehst du ?



nimm nicht das auto,
wenn du von a nach b möchtest.
denn es gibt nur vor, dich unabhängiger und schneller zu machen.
nimm lieber die bahn, das fahrrad oder gehe zu fuss,
auch wenn es dir unschick, lästig und zeitraubend vorkommt,
also mühe macht.
das auto macht dich träge,
macht dich zu einem bewegt-bewegungslosen automaten,
eingeschlossen in einem größeren automaten,
um sich geborgen und geschützt zu fühlen,
vor anderen automaten da draussen, die wenn sie nur können,
sich ebenfalls in grössere automaten einschließen.

sieh den an dir vorbei rollenden gestalten in die augen:
was siehst du ?



nimm nicht den fernseher,
wenn du auch hören, lesen, denken oder fühlen kannst.
es macht dich zu einem trägen automaten,
bewegungslos und leblos,
an dem bilder vorbeirieseln, die nicht die deinen sind,
sich in deinem inneren
einnisten wie parasiten, die vierundzwanzigmal pro sekunde die zellen deines ich auffressen.
stück für stück.
auch wenn es mühe macht,
schalte es ab;
sonst schaltet es dich ab,
transformiert dich zu
automaten, die an den bildern hängen
wie mehlige maschinen an der batterie,
wie billige konfektionsware an der kleiderstange.

was siehst du, wenn du in die fenster der flimmernden wohnstuben kuckst ?


nimm niemals die erste hand,
die sich lautlächelnd dir entgegen streckt,
von größter sympathie,
neuesten erkenntnissen,
einmaligen gelegenheiten,
sensationellen angeboten spricht und
dir einreden will, dass alles nur zu deinem vorteil ist,
was sie dir anbietet.

überwinde deinen ersten reflex zuzugreifen,
auch wenn es mühe macht.
lehne ab,
nimm dir heraus,
umständlich, unspontan, uncool und unhöflich
zu sein,
was schwer ist, weil du zur höflichkeit erzogen,
zum blitzschnellen einverständnis dressiert,
also auf soziale effizienz geeicht.

sieh lieber zweimal hin;
sieh den vollmundigen besitzern und
vollbusigen besitzerinnen in die augen.

was siehst du, wenn du nicht ja sagst ?



nimm niemals die rolltreppen,
wenn du auch gehen kannst:
denn sie geben nur vor, dir dein leben besser und schöner zu machen.

( Köln, Januar 07 )

24.March.2007 09:52:13am [Harald]
Zur Veröffentlichung der Zauberberg-Trilogie II „caged“ am 2. April 2007
Sieh dir das an


Sieh dir das an, das könnte
einer sein, der einfach weg geht
aus seinem weltlichen Leben,
nachdem er sich mit einem Rest
Saint Emilion den Mund gespült hatte,
der höflich verschwindet, ohne Panik
seinen Abgang voraussah, als er sich
zum erstenmal fragte, was er hier solle
unter anderen, die das alles
ganz selbstverständlich hinkriegen.
Niemand gab ihm Feuer fürs Weiterleben,
und die sinnliche Revolution
verschaffte keine Erleichterung.
Von diesem Augenblick an
fiel es ihm nicht mehr schwer,
sich zu sagen, dass es
ziemlich gleichgültig sein müsse,
in welche Richtung man sich
entferne.


Karl Krolow (1974)

07.March.2007 04:47:58pm [Harald]
Exzerpte aus "DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE" (7)
50

ICH – WER - WELCHES ?


wer bin Ich.

Wer ?

Bin ?

Ich ?

Ist das, was ich mir wünsche zu sein
Ich.
Ist meine Vergangenheit
Ich.

Bin
Ich
In der Gegenwart.

Ist ich
ein Programm.


Was kann
Ich.

Was will
Ich.

Wer denkt
Ich.

So viele
Ichs
im
Ich.





Konkurrierende Ichs.
Wechselnde Anzahlen der verschiedenen Ich im
konstituierenden Rat des
vereinigten Ich.
Wechselnde Koalitionen zwischen den ich Fraktionen des
Ich.

Was sich da alles wann, wie, wo, unter welchen Umständen in ständig wechselnden
Koalitionen und Mehrheiten mit einander tummelt.


Konservative.
Progressive.
Reaktionäre.
Gemässigte.
Radikale.
Angepasste.
Aggressive.
Rebellierende.
Erträumte.
Befürchtete.
Beschämende.
Bürgerliche.
Virtuose.
Geparkte.
Zu kurz Gekommene.
Gepflegte.
Erarbeitete.
Dressierte.
Mutierte.
Vernünftige.
Zerstörerische.
Selbstmitleidige.
Brave.
Ängstliche.
Liebende.
Herzliche.
Kalte.
Scheue.
Beschränkte.
Arrogante.
Bornierte.
Schwindelnde.
Wissende.
Entspannte.
Entschlossene.
Selbstgefällige.
Gestresste.
Strebsame
Spinnerte.
Unruhige.
Verbitterte.
Altkluge.
Trainierte.
Angestaubte.
Klammheimliche.
Brutale.
Zerstörerische.
Verklemmte.
Verkümmerte.
Eitle.
Ausgetriebene.
Widersprüchliche.
Triebhafte.
Harmoniesüchtige.
Gelöste.
Neu Entdeckte.
Depressive.
Frische.
Verdrängte.
Ruhige.
Hochpolierte.
Einholende.
Alberne.
Friedliebende.
Nachholende.
Vertraute.
Sichere.
Stressige.
Schlummernde.
Verschachtelte.
Überforderte.
Überschätzte.
Virtuose.
Zu kurz Gekommene.
Zufriedene.
Befriedete.
Offene.
Bleierne.
Abweisende.
Selbstgefällige.
Hoffnungsvolle.
Unterdrückte.
Unfähige.
Kompakte.
Eingegrabene.
Gewohnte.
Forschende.
Schmerzende.
Deformierte.
Freundliche.
Wunde.
Erkannte.
Herausgeputzte.
Ruhige.
Verluderte.
Auf Linie gebrachte.
Lustige.
Verträumte.
Schmerzhafte.
Verschüttete.
Verklärte.
Eingebildete.
Anspruchsvolle.
Angestrengte.
Gewachsene.
Befreite.
Abgespaltene.
Liebgewonnene.
Idealisierte.
Dumme.
Geniale.
Beschwichtigende.
Unüberwindbare.
Verbotene.
Überraschende.
Banale.
Geduldige.
Pubertäre.
Pessimistische.
Schillernde.
Eingebrannte.
Kluge.
Kindliche.
Unsichere.
Brilliante.
Überzeugte.
Skeptische.
Abgestoßene.
Kritische.
Geliebte.
Wieder Kommende.
Verlogene.
Ehrliche.
Mutige.
Verstümmelte.
Intelligente.
Verzweifelte.
Neue.

11.October.2006 04:29:33pm [Harald]
Parallel Ton Arten (Johannes Schmölling: white out)
Heute will ich eine kleine Geschichte erzählen.

Es war einmal ein Knabe, der war fasziniert von Musik. Als er das pubertäre Alter erreichte, entdeckte er eine für ihn noch neue musikalische Welt: Wenn er im Kinderzimmer an seinem Klavier saß, es leid war, die Aufgaben seines Klavierlehrers aus dem Vokabelheft abzuarbeiten, dann träumte er von Minimoogs, Elka String-Ensembles, Arps und Melotrons. Geräten, von denen er damals noch gar nicht genau wusste, wie sie aussahen und wie sie funktionierten. Diese unendlich vielen und neuen Klänge hatten es ihm schwer angetan. Er legte „Tangram“ auf den Plattenteller, schloß die Augen, begleitete die Musik an seinem Klavier und träumte, er wäre Johannes Schmölling.
Zehn Jahre später hatte sich in seinem Leben einiges getan: Er hatte Klavierausbildung, Schule und auch seine Heimatstadt hinter sich gelassen und lebte nun in Berlin. In der Zwischenzeit wusste er, was Synthesizer waren. Mittlerweile nannte er eine kleine Anzahl davon selbst sein Eigen – es waren ältere und somit relativ günstig zu erstehende Modelle, die er im Laufe der letzten Jahre um sich geschart hatte. Wenn er nicht gerade studierte, jobbte oder die einschlägigen Cafes, Bars und Clubs der Stadt besuchte, verbrachte er Tag und Nacht mit seinen kleinen Schätzen und spielte mit Hingabe und Begeisterung. Er fühlte sich großartig, denn er sah sich als Bestandteil einer neuen musikalischen Generation, die sich an der Schwelle glaubte, die Welt zu erobern. Währenddessen war sein Idol aus jungen Jahren aus der berühmten Band ausgestiegen und machte sein erstes Solo – Album, mit dem unser Held eilig vom Plattenladen in seine Kreuzberger Ein-Raumwohnung rannte. Doch groß war seine Enttäuschung beim aufgeregten, fahrigen Durchhören. Die Musik entsprach so gar nicht seinen freudigen Erwartungen: Weder schien sie nahtlos an die liebgewordene Vergangenheit des früher bewunderten Interpreten anzuknüpfen, noch gab es irgendetwas zu hören, was er mit seiner eigenen neuen, aktuellen Musik-Generation in Verbindung bringen konnte. Die geschriebenen Anmerkungen überflog er nebenbei. Sie gaben ihm nichts – lieblos und ohne mit der Wimper zu zucken, verschwand die CD auf Nimmerwiedersehen ... er hatte anderes zu tun.

Vor ein paar Tagen fiel ihm die CD zufällig wieder in die Hände. Johannes Schmölling – „Wide out“. Seltsamerweise. Sechzehn Jahre später. Sechzehn Jahre, in denen viel passiert war. Er holte das Booklett aus der Verpackung und las. Ihm fiel die schöne, überlegte und doch sehr persönliche Sprache auf. Er las von „Gefühl“, dem „plötzlichen Schnittpunkt dreier Dinge, die zur gleichen Zeit stattfanden“, von literarischen, filmischen und geografischen Inspirationen. Während er las, hörte er ungespielte Musik. Sprach-Musik, Gedanken-Musik:

„Wobei ich das Neue, das Unerhörte der elektronischen Klänge eigentlich niemals als ortlosen Punkt, als Phantom der Schwerelosigkeit begriffen habe, sondern immer als etwas diesseitiges, „von dieser Welt“. In Ermangelung jenes Bedürfnisses, mich ins Weltall hinauskatapultieren zu lassen (man sagt, dass auch dort, trotz all der Sphärenklänge, der Satellitenmüll sich bedenklich häuft) habe ich es vorgezogen, mich auf das zu beschränken, was mir geläufig ist. Das heißt: man läuft – anstatt durchs Schwerelose zu taumeln.“

Der Lesende sagte sich: Das kommt mir mehr als bekannt vor. Gedankenverwandt. Ja !

„Vielleicht ist die Landschaftsmalerei etwas sehr Altmodisches, etwas aus dem Neunzehnten Jahrhundert, als die Leute noch Zeit dazu hatten. Vielleicht ist der Versuch, genau zuzuhören, etwas sehr Altmodisches. Vielleicht ist es überhaupt altmodisch, an die Zukunft zu denken.
Womit natürlich gesagt sein soll, dass diese Art, altmodisch zu sein, irgendwann, ganz von selbst, brandaktuell sein wird“.

Er blickte von den Zeilen auf und rauchte eine Zigarette. Sein ganzes bisheriges Leben rauschte an ihm vorüber. Er lächelte still. Er fühlte sich auf eine ganz besondere Art angesprochen. Jetzt: Ertappt und gleichzeitig ermutigt, an den Ohren gezogen und gleichzeitig verstanden. Da sprach ihm jemand aus der Seele, jemand, den er vor langer Zeit freudig-naiv verehrt und dann pubertär-dümmlich-blasiert in die Ecke geworfen hatte. Er las weiter:

„Als ich die Arbeit an dem Album beendete, brachen Reinhold Messner und Arved Fuchs in die Antarktis auf. Nicht mehr (wie noch im letzten Jahrhundert), um die weißen Flecken von der Landkarte zu tilgen, auch nicht (wie um die Jahrhundertwende) mit dem Ziel, die Fahne irgendeines Landes dort aufzustecken, sondern allein der Landschaft, ihres puren So-und-nicht-anders-Seins (der Gegenwart) wegen. Und ich dachte, früher, als Kind, da hätte ich es mir nicht träumen lassen, daß selbst das Spaziergehen eines Tages zu einem politischen Akt werden könnte.“

Ein Kreis schien sich zu schließen: Kindheit – Jugend – Entwicklung – älter Werden. Oder: träumen – anhimmeln – rebellieren – sich ins Zentrum setzen – Vollstoff geben - nachdenken – Veränderungen wahr nehmen - neu erleben – wieder träumen. Nur anders.

28.September.2006 08:30:43am [Harald]
Exzerpte aus "DRUCKWELLEN.FUNDSTÜCKE" (6)
21

Die freie, westliche Welt. Die Zivilisation. Fortschritt in Freiheit. Demokratie. Wir (11)


Warum hat sich der Kapitalismus als herrschendes gesellschaftliches System so erfolgreich und unangefochten durchgesetzt ?
Doch sicher nicht weil er, - nach eigenen Aussagen – überall, wo er eingeführt wurde, „ Freiheit, Glück und Wohlstand für Alle“ geschaffen hätte. Wenn dem so wäre, dann müsste die Welt anders aussehen. Und das nicht nur da, wo sie sich partout nicht schönreden lässt, also nicht nur in den so genannten „Brennpunkten“ von Berlin- Wedding, über Bronx/New York, zu den Favelas von Sao Paulo und den Slums von New Dehli, Johannesburg und Mexiko City. Dabei herrschen auch dort die selben Gesetze der freien Marktwirtschaft, der parlamentarischen Demokratie, der Chancengleichheit; sind auch dort die Rechte der freien Meinungsäusserung verbrieft, wie auch alle anderen eingetragenen Werte der westlichen Zivilisation.
Gut, also daran scheint es nicht liegen zu können. Woran liegt es dann ?

Vielleicht, weil kein anderes System geschickter ködert, weil kein anderes System die Menschheit jemals so erschreckend präzise an seinen Grundinstinkten gepackt hat. Wer will nicht „schöner“ sein, als der Andere ? Wer will nicht „glücklicher“ werden, oder zumindest mehr „Spass am Leben“ haben. Wer will nicht eine gewisse Macht haben über Andere, sich gewisse Vorteile erarbeiten. Oder zumindest etwas ganz ausschliesslich für sich selbst besitzen wollen, dass ihm der Andere nicht nehmen kann, wenn er ihn auch noch so sehr darum beneidete, was den Besitz dieser Sache wiederum erst recht lohnend mache? Wer will nicht daran glauben, sich Status, Anerkennung Schönheit, Sex und Macht offensichtlich ( wie permanent im Fernsehen und im sonstigen wirklichen Leben vorgelebt ) kaufen zu können, ganz problemlos ( wenn das Geld dafür da ist ), anstatt sich mit sich selbst und der Welt auf subtilere und aufwendigere Weise befassen zu müssen.

Vielleicht, weil kein System bis dato so erfolgreich von seinen eigentlichen Zielen ( durch so genannte „freie Information“) hat ablenken können, die es tatsächlich im Schilde führt. Kein System konnte so virtuos täuschend einer Mehrheit der Beherrschten das Gefühl suggerieren, ganz freiwillig das zu wollen, was die herrschende Elite wünscht, was ihre Untergebenen zu wollen haben sollen. Eine anscheinend übereinstimmende „Gleichheit“ der Wünsche von „Oben und Unten“. Anscheinend herbeigeführt ohne die Einwirkung von repressiver Gewalt. Herrschaft ohne Beherrschte ? Das Volk als „oberstes Souverän“ ? Oder doch eher eine Menschheit von eingebildet mündigen, informierten, kritischen, eingebildet in ihrem Denken und ihrem Handeln freien, für ihr Schicksal selbst verantwortlichen Souveränen ?

Kein System vorher schaffte es, auch denen, die zu den „Verlierern“ im System gehören, überzeugender einzureden, dass sie selbst an ihrem Schicksal Schuld wären (Versager, Verlierer), oder man ( mit nachdenklicher Unschuldmine vorgetragen ) wenigstens nichts daran ändern könnte, weil es sich dabei („der Markt“) um eine Art „Naturgesetz“ handele, das niemand auf der Welt gänzlich „justieren“ könne ( „Schicksal“ ). Niemals zuvor wurde den faktisch Hoffnungslosen die permanente Illusion, es jederzeit trotz alledem „schaffen zu können“ ( „Chancengleichheit“, „wenn Du nur willst, werden auch Deine Träume wahr “) plausibler eingebläut. In Geschenkpapier verpackte Vulgarität. Premium – Lügenprodukte. Nehmen wir die teuer aussehende, aber in Wirklichkeit lachhaft billige ( von Kindern in Billiglohnländern hergestellte ) Verpackung bei Seite und betrachten wir, was wir konkret vor uns haben.

Im Kapitalismus hat jedes gefertigte Produkt einzig und allein den Sinn, einen möglichst hohen Profit für den Besitzer der Produktionsmittel und Produzenten des Produkts zu erzielen. „Rechnet sich“ ein Produkt, ist es gut, „rechnet es sich nicht“, ist es schlecht. Das, und nur das macht seinen Sinn aus, ist Definition des kapitalistischen Glaubensbekenntnisses. „Gesellschaftlichen Nutzen“ definiert man wahrlich anders. In der ideologischen Werbebroschüre des Kapitalismus steht: ein so genannter „Wettbewerb“ unter den „ gleichberechtigten Marktteilnehmern“ entscheide mittels „Gesetz von Angebot und Nachfrage“ unbestechlich-fair über Erfolg und Misserfolg des Produkts. Gerade dieser „faire Wettbewerb“ generiere „Innovation“, schaffe also „kreative“ und von der Gesellschaft („Verbraucher“, „Konsumenten“) „gewünschte“ Produkte, die zu den wahren Segnungen für die Menschheit führten („Mobilität“, „Zeitersparnis“, „Bequemlichkeit“, „Unterhaltung“, „ungeahnte neue Möglichkeiten“, „Fortschritt“, kurz gesagt „Wohlstand“ und „Glück“).
Ein Kapitalismus will nun aber nicht für den Menschen da sein, kann aus seinem Selbstverständnis heraus gar nicht wollen können, dass „es allen gut geht“, dass alle „zufrieden“ sind. Denn er lebt ja gerade davon, dem Verbraucher-Menschen permanent einzureden, gerade durch das „neue“, noch „bessere“ Produkt, erst richtig „glücklich“ werden zu können. Und so weiter und so fort. Dass er es behauptet, ( „wir arbeiten dafür, dass Dein Glück verwirklicht wird“) steht auf einem anderen Blatt. Und dass er es mit Hilfe aller ihm zur Verfügung stehenden Instrumente der Beeinflussung erfolgreich behauptet, beweist erstmal nur, wie virtuos er diese Mittel der komplexen Manipulation und Kontrolle beherrscht. Und damit die Welt beherrscht.

Sein beliebtestes ideologisches Mittel (das er selbst als „unideologisch“ bezeichnet) : er macht den Unterschied zwischen „Gleichheit“ und „Individualität“ auf und bringt diese Worte in Zusammenhang mit dem Begriffspaar „Freiheit - Unfreiheit“ . Demnach wird der Ansatz der „sozialen Gleichheit“ ( möglichst alle sollen gleichberechtigt an der gesellschaftlichen Konsumption teilhaben können ) denunziert als „langweilige“ oder „totalitäre“ „Gleichmacherei“ („Unfreiheit“). Hingegen wird die „Individualität“ als humanistischer Wert an sich hoch gehängt („Freiheit!“). Dabei muss natürlich geflissentlich die Frage ausgeblendet werden, unter welchen Bedingungen die Menschen diese offerierte und gewünschte „Individualität“ überhaupt realisieren können. Es scheint ungerechtfertigt, einen Zusammenhang zwischen einem lässig 70.000 Euro kostenden BMW-Cabrio ( „Individualität!“) und der sozialen Herkunft des „Individuums“ herstellen zu wollen, es sei denn der Begriff der „Individualität“ und der „Freiheit“ ist eben doch kein ethisch-philosophischer Bergriff, sondern hat ausschliesslich etwas mit „Geld haben“ und „kaufen können“ zu tun. Dieses nötige „Geld“ hat im allgemeinen aber nur derjenige, der einen privilegierten sozialen Hintergrund zur Verfügung hat. Hat er den nicht, bleibt nur der Weg, sich die Kohle über die kriminelle Gegengesellschaft zu beschaffen. Da es dem Verkäufer im Endeffekt natürlich egal ist, aus welchen Quellen das Geld kommt, das er verdienen möchte ( angesichts der globalen „Börsenrallye“ ja sogar verdienen „muss“...), sind natürlich auch die Grenzen zwischen „legal und illegal“ beschafftem Kapital unerheblich.
Zudem sagt die Tatsache, dass ein (Kauf-)Angebot besteht, wenig über die Möglichkeiten darüber aus, wie vielen Menschen dieses Angebot auch tatsächlich offen steht. ( Ein wichtiger Punkt, den der johlende Mob der durch gesponsertes Westbier enthemmten Einheitsbrüller am Ende der DDR leider zu spät dämmerte ...).
Noch jeder, der in Hauptstädten von Ländern der Dritten und Vierten Welt durch die (abgesicherten und von den massenhaften gesellschaftlichen „Abfallprodukten“ gesäuberten ) Einkaufszonen geschlendert ist, muss darüber staunen, dort eine vielfach grössere Anzahl von Luxusprodukten offeriert zu bekommen, als in den heimischen Exklusiv-Avenuen der Fasanen- oder Friedrich Strasse - deren bevorzugte Käuferschicht natürlich nicht das „Volk“, sondern durch mafiose Strukturen zu Geld gekommene Gangster sind ( legale oder illegale Gangster, vollkommen egal ! ).
Jeder würde sich lächerlich machen, daraus schliessen zu wollen, in Bukarest oder Lagos wäre die „Freiheit“ und „Individualität“ in höherem Masse verwirklicht, als bei uns. Nach den (unverdeckten, nackten, also ent-täuschten) Spielregeln des Kapitalismus ist dem aber genau so.

Nun wird uns permanent erklärt, dass Kapitalismus („Freiheit des Privateigentums“, „Freiheit des Handels“, „Freiheit des Individuums“, etc., etc. ) untrennbar mit den Werten der westlichen Zivilisation verbunden ist, ja gar ein immanenter Bestandteil dieser Werte ist, die sich in einem historischen Band von der griechischen Antike, über den römischen Staat, die christliche Religion, bis hin zur Aufklärung und dem liberal-bürgerlichen Humanismus, also den Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, definiert.
Ich bitte nachzuprüfen, was die ehrenwerte Gemeinschaft der „westlichen Welt“ immer als erstes einfordert, wenn wieder einmal ein neues Land in den Reigen der „Zivilisation“ aufgenommen werden soll ( oder um in Aussicht gestellte IWF-Gelder bettelt ): es muss als allererstes die so genannte „Öffnung“ oder „Liberalisierung des Marktes“ gewährleisten. In den „Kandidatenländern“ stehen Frauen und Männer bereit ( „Bürgerrechtler“, „Demokraten“, „Regime-Gegner“, „Oppositionelle“, „Gemässigte “, „Dissidenten“, „Opfer der Diktatur“, „Exilanten“, „freie Stimmen für den Aufbruch“, usw. ...), die in unseren Medien dann genau diese, „unsere“ Forderungen verkünden dürfen. Sie werden dann mit medialer und finanzieller Power aufgebaut, unterstützt („beraten“), gründen Parteien, die in ihren Programmen und Strukturen „unseren“ aufs Haar gleichen. So entsteht eine „pluralistische Parteienlandschaft“, die den neuen „Verfassungsrahmen“, also die grundsätzlichen gesellschaftlichen Spielregeln aufstellt, die in Zukunft gelten sollen. Jetzt ist es Zeit für „freie Wahlen“, aus denen eine Fraktion dieser „freiheitlichen Kräfte“ als Sieger hervorgehen wird. Meist diejenige, die zuvor schon „bei uns“ als die Plausibelste präsentiert und gepäppelt wurde ( also die häufigste Sendezeit bekam ). Diese Regierung leitet dann die „nötigen Schritte“ auf den „Weg zum Hineinwachsen in die Freiheit“ ein. Das geht meist nicht ohne das „Schlucken von bitteren Medizinen“, wie es immer so schön heisst, die ( nach „unabhängigen“ und „unideologischen“ –aber doch streng neoliberalen – „Expertenempfehlungen“ ), „unumgänglich“ seien. Sind diese „Reformen“ dann umgesetzt, sind sie auch gleich „unverrückbar“ – komischerweise ganz im Widerspruch zu dem sonst von den gleichen Leuten stetig geforderten Geschrei nach permanenter „Flexibilität“ und permanentem „Wandel“. Unausgesprochen steht hinter dieser „Medizin“ die lautlose Einverleibung des vorhandenen Materials an Produktivkräften durch die westlichen Grosskonzerne ( „Wir“ !) und die legale Festschreibung ihrer Macht durch parlamentarisch verabschiedete Gesetze. Zum Abschluss werden die ersten „Erfolgsgeschichten“ hochgejubelt. Das geschieht durch die „freie Presse“, die nun nicht nur bei uns, sondern auch vor Ort den selben Leuten gehört (Beispiel: über 70% des polnischen „Medienmarktes“ wird von deutschen Verlegern – also von „uns“ - kontrolliert). Über das weniger Erfolgreiche erfährt man nur dann, wenn es entweder schon nicht mehr ins Gewicht fällt, oder sich partout nicht leugnen lässt. Und dann hat sich’s und das gleiche Spiel beginnt mit dem nächsten Land, das „auf der Agenda“ steht. Wir können das schon im voraus ahnen: nämlich dann, wenn wir in den „Medien“ mit einem Mal Namen und Staaten auftauchen, von denen wir bis dato wenig bis nichts gehört und gelesen hatten ...

Freiheitliche Demokratie –„untrennbar verbunden mit Marktwirtschaft“- ist für den Menschen da, macht den ewig gehegten Traum der Menschheit nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wahr ...

Die letzten wunderbaren Beispiele, an denen man sich von den erklärten Absichten der westlichen Welt und allen voran denen ihrer Führungsmacht, den USA, überzeugen konnte, waren die prosaisch als „Orange-Revolution in Kiew“ und „Rosenrevolution von Tiflis“ verkauften Übernahmen ins eigene Lager der „Guten“. Der Bericht des US-Council on Foreign Relations, ein von der Bush-Junta hochgeschätzter Think Tank, lässt daran nicht den geringsten Zweifel: „Im Jahr 2005 haben russische Behörden den Zugang der USA und der NATO zu Luftwaffenstützpunkten in Zentralasien zu beschränken versucht. Amerikanische Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit im Erdölbereich haben ebenfalls eine Reihe von Enttäuschungen erlitten“. Das klingt nun weniger blumig, als in den Werbebroschüren, die uns als öffentliche Meinung von den gleichen Leuten untergejubelt werden !
Ich lege mich schon jetzt fest, dass nach der, sozusagen selbstverständlichen Einverleibung der DDR, Polens, Ungarns, Tschechiens, der Slowakei, Sloweniens, Kroatiens, Albaniens, des Kosovo, Bulgariens, Rumäniens und der baltischen Staaten (die bis 1991 immerhin zu dem Territorium der UdSSR gehörten !), nach der Ukraine und Georgien nun Weissrussland an der Reihe ist. An der endgültigen Kapitulation des Schurkenstaaten Serbiens muss ebenfalls noch gearbeitet werden.

Ist es denn so schwer zu begreifen, dass die Vorraussetzung für einen demokratischen, freiheitlichen Staat unter den Bedingungen des Kapitalismus ein Widerspruch in sich ist ?

Wie definiert man „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ? Es scheint eine Sache der Interpretation zu sein. Kann ein Mensch – selbst bei „freien Wahlen“ - wirklich „frei“ über sein politisches Schicksal entscheiden, wenn die wirklichen Weichenstellungen von Eliten betrieben werden, die in keinster Weise von ihm gewählt werden können ? Regierungen kommen und gehen, die Leute, die die wirtschaftliche Macht besitzen, diese Regierungen nach ihren Gutdünken zu fördern oder fallen zu lassen, aber nicht. Das ist in Deutschland nicht anders wie in Guatemala ( beide Staaten gehören zum gleichen „Lager“!!!) , nur stellen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse und Widersprüche bei einer (gewollten, zumindest sehr billigend „in Kauf“ genommenen ) Analphabetisierungsrate von 80 Prozent nur weit extremer und offensichtlicher dar. Siemens oder Chiquita („United Fruit Company“). Zwei Seiten der gleichen Medaille. Nicht eine Frage der Philosophie , sondern ausschliesslich des wirtschaftlichen „Standorts“ und seiner Bedingungen.

Nochmal: ein Staat, der als „freiheitlich demokratisch“ akzeptiert sein will, muss nach offizieller Doktrin als erstes „den freien Handel“ gewährleisten. Müsste nicht der erste Schritt sein, erstmal den Boden unter den ärmsten Schichten aufzuteilen, die nationale Produktion so zu organisieren, dass jeder Bewohner eines solchen Landes die Chance bekäme, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, alle Güter des täglichen Bedarfs, ein Recht auf ärztliche Versorgung und eine Schulbildung, die diesen Namen auch verdient ?
Nein, denn Staaten, die mit einer alternativen Interpretation an die Frage von „Freiheit und Gerechtigkeit“ herangingen und versuchten, sie praktisch umzusetzen, gehören ohne Wenn und Aber nicht zur freien, westlichen Zivilisation. Regierungen, die ( ebenfalls) in freien Wahlen gewählt wurden, um genau das zu tun (z,B. im Iran 1953, in Chile 1970 ) wurden durch Putsche und anschliessende an Brutalität nicht zu überbietende Diktaturen erst wieder in die „freie Welt“ hereingeholt. Staaten, die sich herausnahmen, den „freien Handel“ im Sinne des Gemeinwohls hin zu sozialer Gerechtigkeit in die Schranken weisen zu wollen, die die humanistischen Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ also vielleicht nicht nur als Verpackung, sondern als ein einzulösendes Menschenrecht ansahen, müssen mit schärfsten Konsequenzen derjeniger rechnen, die vom Kapitalismus als wirtschaftlichem und politischen System am meisten profitieren respektive kontrollieren und steuern . Allen voran deren Führungsmacht. In seiner bemerkenswerten Nobelpreisrede vom Dezember 2005 brachte es der Schriftsteller Harold Pinter auf den Punkt:

»Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterstützten die Vereinigten Staaten von Amerika jede
rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen, Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden. (Anmerkung von mir: am 11. September 2001 wurden uns leider die Bilder jubelnder Bevölkerungsschichten in Santiago de Chile vorenthalten, die an diesem Tage eine Art traurige Genugtuung über das Leid kund taten, dass an ihnen beginnend mit dem 11.September 1973 begangen wurde, dem Tag, an dem in Chile unter bester brüderlicher Unterstützung der USA die Regierung Salvador Allende und damit die Hoffnung auf eine freiheitliche Zukunft des Landes weggeputscht wurde...)
In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US?Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.
Es ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte, passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand. Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muß man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt.«

Aktuelles Beispiel: Bolivien. Dort wurde das von einer Clique von Grossgrundbesitzern gehortete Agrarland an die bis dahin recht- und besitzlosen Bauern verteilt. Gleichzeitig verstaatlicht die neue Regierung die Öl- und Gasindustrie und kündigt gleiche Schritte, für den Bergbau und die Forstwirtschaft an, die allesamt enorme Gewinne einbringen. Gewinne, die bisher einzig und allein von transnationalen Unternehmen gemacht wurden, die sich seit Jahr und Tag durch Recht und Gesetz verbrieft, wie die Herren und Besitzer des gesamten Landes aufführen konnten. Nun fordert Evo Morales, der frei gewählte Präsident des Landes Bolivien eine Rückkehr zu einer national-staatlichen Souveränität. Nicht mehr und nicht weniger. Ein einhelliger Aufschrei der wütenden Entrüstung geht durch die westliche Wertegemeinschaft. Dieses Handeln wird prompt als „totalitarismusnahe, populistische Evokratie“ in „unseren“ Medien denunziert. Unter „Freiheit“ verstehen „die Guten Staaten“ etwas anderes. Unser demokratisch, freiheitlich, zivilisierter Aussenminister, der frühere BND-Mann (oh!) Steinmeier äussert auf einem EU-Wirtschaftsgipfel sich höchst „besorgt“ über die realisierten Massnahmen und weiteren Vorhaben in Bolivien. Wehe, wenn Exponenten einer Gemeinschaft von Machtstaaten eine Entwicklung in Regionen, die sie zu Ihrer Interessensphäre zählen, mit „grosser Sorge“ betrachten. Was passierte, wenn sich beispielsweise die USA in den letzten 150 Jahren „besorgt“ gezeigt hatten ?
Reichen heute die „Sorge-Bekundungen“ aus („ Ihr wisst ja, was passiert, wenn Ihr nicht...“ ) oder kommt das bewährte Spielchen wieder zum Einsatz:

- „besorgt“ sein
- mediale Kampagnen in der freien (seltsamerweise aber vollkommen uniform tönenden ) Presse aufbauen
- parallel schon heimlich Instabilitäten aller Art in den betreffenden Staaten schaffen ( Handels-Embargos, Bombardierungen, Ausbildung und Verschickung von als „Freiheitskämpfer“ gelabelten Söldner-Terrorgruppen, Förderung, Unterstützung und Forcierung von Unruhen und wirtschaftlichen Katastrophen aller Art durch vielfältigste Mittel )
- „Argumente“ und „Beweise“ suchen und präsentieren („irre“, „blutige“, „korrupte“ „Demagogen“ und „Diktatoren“ von „Schurkenstaaten“, die durch „Waffenarsenale“, „Unterdrückung der Bevölkerung“, „menschenverachtende“, „totalitäre“ oder andere „besorgniserregende Zustände“ „den Weltfrieden(!!!) gefährden (!!!) “, usw., usw., usw....)
- „Weltöffentlichkeit“ schaffen
- „Drohkulissen“ aufbauen
- die einen „verhandeln“ lassen, während die anderen ( „Partner“, „befreundete Staaten“ ) in aller Deutlichkeit den Krieg vorbereiten ( den sie heimlich schon jahrelang zielstrebig geplant und vorbereitet haben ).
- Ultimaten stellen
- losschlagen
- „befreien“
- „Normalität herstellen“
- „kleine Fehler“ zugeben ( das darf dann wieder die gleichgeschaltete freie Presse „enthüllen“, um die schäbige Legende ihrer „Unabhängigkeit“ aufrecht zu erhalten )
- vergessen
- mit dem nächsten Problem „konfrontiert“ werden
- „besorgt“ sein
- usw., usw., usw.

Findet dieses Schema in Bolivien eine Fortsetzung ( vielleicht gleich noch die beiden anderen Unrechtssysteme und Schurkenstaaten Venezuela und Kuba mitnehmen, dann werden Argentinien, Brasilien, Chile und der ganze nordamerikanische „Hinterhof“ wissen, dass es weiterhin ratsam ist, keinen Unfug zu machen – „don`t fuck with us !!!“ ) ?. Kann man das parallel mit Irak und Iran schaffen ? Eine grosse Herausforderung für die freie Welt: diplomatisch, logistisch, finanziell...wahrlich.

Historisch gesehen konnte der Kapitalismus noch immer in verschiedenen Formen, angepasst an die zeitlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten seine Ziele ( nämlich zu aller erst die des Privatbesitzes und der möglichst ungestörten Profitmaximierung, die durch ein konformes Herrschaftssystem abgesichert wird ) durchsetzen und sicherstellen: ob in einverleibten, auf den letzten Tropfen ausgepressten und ausgebeuteten Kolonien, in obrigkeitsstaatlichen Kaiser - und Königreichen, in faschistischen Diktaturen oder in so- genannten „Demokratien“, deren Ausprägungen in den Staaten der Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten Welt sich natürlich etwas verschieden gestalteten. Eines war und blieb immer gleich. Und einzig und allein das interessiert: der Kapitalismus.

Warum hat sich der Kapitalismus als herrschendes gesellschaftliches System durchgesetzt ?
Zusammenfassung: weil er virtuos die Menschen an ihren Grundtrieben packt, weil er seine wahren Ziele erfolgreich verschleiert und als allgemeinen Willen ausgeben kann und weil er auf der anderen Seite sämtliche Mittel der konkreten Macht in Händen hält. Geht es mit scheinbar gewaltlosen Mitteln, sein System stabil zu halten: gut ! Bedarf es die Mittel der physischen Gewalt: auch gut !

Der Kapitalismus ist hässlich. So widerlich hässlich in seiner „locker-unideologischen“ Verlogenheit, seiner selbstgefällig zur Schau gestellten Selbstsicherheit und seiner dreisten Selbstverständlichkeit. Am aller hässlichsten ist er aber in seiner kriegerisch-mordenden Bestialität, die er permanent, sei es zur notwendigen Sicherung bzw. Einverleibung seiner Territorien, oder einfach nur zur ungefährdeten Profitmaximierung bei der Herstellung von Kriegsgerät im allgemeinen, praktiziert und produziert (in kühlen Kosten-Nutzen Bilanzen durchgerechnet nach optimierten Auschwitz-Ressourcen-Verwertungs-Management-Kriterien ).
Zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort kann aus der lächelnden Fratze („WM: zu Gast bei Freunden“) eine blutige werden ( „Enduring Freedom“). Wie auch umgekehrt die blutige ( „War against Terrorism“, „Coalition of the Willing“ ) mühelos zur lächelnden Fratze ( „we are the world“, „let`s make things better“, „make it real“ ) mutieren kann.
Hässlich. So abscheulich, widerwärtig, verlogen hässlich!

21 a

Die Frage aller Fragen

Dieses Gefühl der
Schön verpackten
Hässlichkeit und Widerlichkeit,

der man sich niemals
und nirgends vollständig
entziehen kann,

die eindringt in
jede Pore, so dass man
niemals zur Ruhe kommt,
weil es permanent
da ist.

Die Frage aller Fragen.
Ausserhalb leben ?
Wie ?
Geht nicht !
Fliehen ?
Wohin !

Also: ihn abschaffen.
Also: ihn bekämpfen.
Also: Widerstand.
Aber: wie Widerstand.
Also: Widerstand wie ?
Aber: wie ihn stürzen.
Also: Wie ihn stürzen.

Stürzen von selbst wird der Kapitalismus noch lange nicht.
Nicht einmal wanken, straucheln, sich ein Bein brechen, in die Knie gehen.
Bombensicher.

Michael Kolhaas ...
Michael Kolhaas ?
Michael Kolhaas ...

20.September.2006 11:32:44pm [Harald]
Vor drei Wochen, als ich die drei Pappschachteln aufmachte.
Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, hatte ich das Gefühl, sieben Jahre meines Lebens in Händen zu halten. Symbole des hart erkämpften Wunsches, den unsäglich vielen "geht nicht“, die sowohl aus dem eigenen Inneren, wie von Aussen kamen, ein "ich versuch`s aber doch“ entgegen zu setzen.

Was meine ich damit ?
Vielleicht an aller erster Stelle den Entschluss, Schritte zu ergreifen, den eingebrannten Bildern von „Success-Freedom-Comfort-Happiness“ nicht mehr hinterher-leben zu wollen - was schwierig ist und für viel Unruhe, Verlustangst, Zweifel und Verunsicherung sorgt. Im künstlerischen wie im rein menschlichen Leben, wenn da überhaupt echte Grenzen zu bestimmen und zu ziehen sind.

Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, fühlte ich mich wie ein Bergsteiger, der Jahre brauchte, Routenplanung, Organisation und Logistik an den Start zu bringen, um nun endlich am Basislager angekommen zu sein, von dem es nun weiter geht.

Und ich dachte an die Unterstützung, die ich von dem kleinen Kreis von Leuten bekam, ohne die ich es so nicht geschafft hätte. Sie machten es aus dem Herzen heraus. Ihnen mein grosser Dank !

20.September.2006 11:29:21pm [Harald]
Vor drei Wochen, als die drei Pappschachteln aufmachte.
Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, hatte ich das Gefühl, sieben Jahre meines Lebens in Händen zu halten. Symbole des hart erkämpften Wunsches, den unsäglich vielen "geht nicht“, die sowohl aus dem eigenen Inneren, wie von Aussen kamen, ein "ich versuch`s aber doch“ entgegen zu setzen.

Was meine ich damit ?
Vielleicht an aller erster Stelle den Entschluss, Schritte zu ergreifen, den eingebrannten Bildern von „Success-Freedom-Comfort-Happiness“ nicht mehr hinterher-leben zu wollen - was schwierig ist und für viel Unruhe, Verlustangst, Zweifel und Verunsicherung sorgt. Im künstlerischen wie im rein menschlichen Leben, wenn da überhaupt echte Grenzen zu bestimmen und zu ziehen sind.

Als ich die drei verschiedenen Pappschachteln aufmachte und aus jeder eine andere CD herausholte, fühlte ich mich wie ein Bergsteiger, der Jahre brauchte, Routenplanung, Organisation und Logistik an den Start zu bringen, um nun endlich am Basislager angekommen zu sein, von dem es nun weiter geht.

Und ich dachte an die Unterstützung, die ich von dem kleinen Kreis von Leuten bekam, ohne die ich es so nicht geschafft hätte. Sie machten es aus dem Herzen heraus. Ihnen mein grosser Dank !

31.July.2006 04:55:53pm [Harald]
Ferien
Jetzt geht es zwei Wochen inne Ferien !

Verdientermassen: habe in der Glutofenhitze heftigst gearbeitet.
„die Toteninsel“, „caged“ und „Industrie & Melodie“ sind im Presswerk !!

Im September wird es soweit sein: CB/HB – Werke werden in Form von CDs
wieder öffentlich !

Sehr schön !!!

15.July.2006 05:03:10pm [Harald]
An Tagen, die sich periodisch wiederholen
Samstag, 15.Juli 2006, Berlin.
Vormittags sonnig, Nachmittags bedeckt, sehr schwül.

Man kann Geburtstage hernehmen,
oder Hochzeitstage,
oder Silvester.
Allgemein
also Tage, die sich in ihrer Funktion periodisch wiederholen.

An ihnen kann man über Entwicklungen nachdenken.
Konstatiert, was und wie man heute fühlt und
stellt dem Erinnerungsstichproben aus vergangenen Zeiten
desselben Tages gegenüber.

Ich habe gelesen, dass heute „Love Parade“ ist.
Es gab Zeiten, da musste ich
zwanghaft
aus der Stadt flüchten,
weil mich allein der Gedanke daran krank gemacht hat.

Krank werden
kann man nur an einer Sache,
an die man einmal
geglaubt hat.

Die Jahre Eins bis Vier
waren der schwebende Traum von der
Erfüllung aller gehegten Wünsche.

Fünf bis Sieben
waren staunende Beobachtung
in die Distanz.

Acht bis Zwölf
waren Flucht
resultierend aus einem Gefühl des ungläubigen Ekels.

Danach:
Nichts mehr gefühlt.
Oder ausgeblendet.

Heute
übe ich vier Stunden an einem schweren Bartok – Stück.
Konzentriert und mit Hingabe.
Das Geschenk der Musik.

Sehr gesund !

07.July.2006 09:10:41am [Harald]
Gottfried Benn - 50. Todestag
Menschen getroffen

Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern - als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben –
„Fräulein Christian“ antworteten und dann:
„wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ –
„wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht !

Ich habe Menschen getroffen, die,
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.


Gottfried Benn ( 2.5.1886 – 7.7.1956 )

29.June.2006 09:49:26am [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (5)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (5)





28

friendscheissing

Betriebswirte, die
am medialen Zapfhahn
den abgestandenen,
schalen Schaum
der fusionierten Grossbrauerreien
in die trübgespülten Gläser
der Kundschaft
kippen,

die sich
bierselig
ihre Armseligkeit
in leutseliger Lustigkeit
schön
schwätzt.
( schön schwätzen muss).


Und ab und zu
in Nackenstarre
nach oben
in die laufende Röhre kuckt,
die diese rührende Gemütlichkeit
am laufen hält,

mit schaumschlagenden
Animierbildchen der Grossbrauerreien.

Beistand in Rat und Tat,
Lebenshilfe,
wie man sich die eigene Existenz
schön
trinken kann.

Mit ihrem monopolisierten Aufguss,
der oben wie unten,
hier und dort
simultan
zu vernünftigen Preisen in
vernünftigen Dosen
von den Betriebswirten
an die Kunden
ausgeschenkt wird.

23.June.2006 10:35:35am [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (4)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (4)


19


Die freie, westliche Welt. Die Zivilisation. Fortschritt in Freiheit. Demokratie. Wir (10)

Flexible Response


ii
Der Musiker P. mit electro-clashiger Vergangenheit, wechselte vor drei Jahren in das Lager der avantgardistischen Laptopkünstler, da seiner Meinung nach aus der Klubkultur „nix Neues mehr“ kam. Schnell fasste er Fuss im neuen Umfeld, an dem ihm der „diskursiv-abstrakte Cut und Klick Ansatz“ begeisterte, der endlich die kommerziellen Klischees der zur Chartmusik verkommenen Techno– und Liedform- Plattheiten in einem neuen „elektronischen Kunstraum“ aufheben sollte. Zwei CD-Veröffentlichungen auf einem auf der Höhe der Zeit stehenden Indielabel verschafften ihm, mit Ausnahme einiger wohlwollender, doch –wie er zugeben musste, auch reichlich unverbindlicher - Kritiken ( zu denen sogar eine im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ gehörte ) keinerlei weiterführende Resonanz. Da konnten auch zwei Auftritte auf transmedialen Kunstkongress-Events in Bukarest und Barcelona nicht versöhnen. Er hatte sich mehr erhofft.

Heute nun spielt er in Bandformation hinter einem original Fender Rhodes 73 Mark II sitzend auf einem der schwer angesagten Musiknächte in der Volksbühne. P. sieht sich auf einer neuen Stufe angekommen: endlich „richtige Musik“ machen, endlich „sinnliche Musik“ machen, die ohne die verdammte Elektronik auskomme, von der er schon immer wusste, dass sie eigentlich „jeder Depp“ programmieren könnte. Musik, die „zu künstlich“ sei und heute nur noch „Dumpfbacken vom Land“, „ewig Gestrige“, oder „intellektuelle Dauermasturbierer“ interessiere; wo der Mensch in der heutigen „eisigen Zeit“ sich doch nichts mehr als „verbindliche Wahrhaftigkeit“ wünsche. Er hat sich mit einem blassen Mädchen, das vor zwei Jahren aus dem ostwestfälischen Raum nach Berlin gekommen war, zusammengetan. Die Kinds-Frau mit grossen melancholischen Augen und einer irgendwie schutzbedürftigen Anti-Star-Aura, singt mit hochhell-linkisch-dünnem Unschuldsstimmchen in Nena / Humpe - Facon. Nach Presseinformation handeln die „in dieser ungeschönt-authentischen Form selten zuvor gehörten Texte“ thematisch vom „Identitätsverlust in der heutigen Gesellschaft“ . Die „junge Band“ sei Ausdruck der „Speerspitze einer neuen, frechen, deutschen Popkultur, die treffend ausdrückt, was ihre Generation denkt“.

„Ich sehe da grosse Möglichkeiten. Die Band kommt cool rüber. Da ist Potential drin. Wir müssen das nur irgendwie gut positionieren. Elektronics sind out. Ich hab das Gefühl, die Leute wollen jetzt so was wie Euch, wollen wieder junge deutsche Bands performen sehen. Wir sind da ganz vorne mit dabei, glaub ich. Wenn wir noch ein paar Argumente am Point of Sale generieren, können wir ein stimmiges Package schnüren“ sprudelt der extra aus München eingeflogene AR-Erfolgsdynamiker im Backstageraum, in dem es von optischen Nachwuchs-Superstars nur so wimmelt. Ein Plattenvertrag seiner Majorcompany liege unterschriftsreif bereit. P. steht am Gipfelpunkt seiner Musikerkarriere. Endlich, nach vielen Jahren, wird sein Traum wahr werden. Der Traum vom Erfolg- Haben, in die Charts kommen, im Fernsehen auftreten, Geld-Haben, in geilen Hotels schlafen, mal richtig auf die Kacke hauen, ein Star sein. Endlich. Endlich. Endlich.

17.June.2006 02:40:13pm [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (3)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (3)



30


Gedenktag

Heute begehen
die modernen Unterdrücker
mit grosser Rührung und mit
wichtig – nachdenklichen Mienen
grossen Staatsakt.

Im Gedenken
an die heldenhaften,
angstlosen und
verzweifelten
Aufständischen und Opfer

als die
Arbeit habenden
Arbeiter und
Arbeit habenden
Bauern
im Unrechtsstaat DDR
unerschrocken
für Freiheit und Demokratie
kämpften
damals.


Feiern frech und
wiegen sich
feist

in bombenfester Sicherheit

wie die Made
im Speck.

13.June.2006 09:56:16am [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (2)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (2)



8


Die freie, westliche Welt. Die Zivilisation. Fortschritt in Freiheit. Demokratie. Wir (4)

Der Mensch, dem in Ermangelung von permanenten Fussballweltmeisterschaften, ersatzweise freudige Schauer des persönlichen Stolzes den Rücken herunterrieseln, wenn „unsere“ Deutsche Bank kraft ihrer Finanz-Schweinereien in die Top Ten des Weltkapitals aufgestiegen ist, wenn „wir“ als Siemens Milliardenaufträge für Atomkraftwerke in China ergaunert haben. Oder, wenn irgendwelche „unserer Traumfrauen“ mit akribisch eingeübtem und dennoch an arroganter Dümmlichkeit nicht zu überbietendem deutsch-amerikanischen Gestammel, irgendwelche konfektionierte UNO-Aktionen als Schirmherrinnen repräsentieren dürfen.

Wie ist es möglich, es überhaupt wagen zu können, diesen durchkalkulierten Dreck denselben Menschen vorzusetzen, denen man gleichzeitig so lange einbläut, bis sie es selbst erfolgreich glauben (wollen), dass sie Teil einer überlegenen Zivilisation sind, sozusagen am Bau und der Verbreitung eines Erfolgsmodells beteiligt sind, wie Kleinaktionäre an den Finanzschauplätzen der Global Players?

Jubilierend streichen sie die kärgliche Dividende ein und sehen sich ihrer eigenen Frei-Setzung aus Gründen der Effiziens-Steigerung plausibel zuapplaudieren. Noch haben sie nicht gemerkt, dass der ihnen medial zugeratene Notgroschen für die selbstverantwortliche Sicherung im Alter schon nach den ersten Harz IV – Monaten von denselben Experten-Ratgebern enteignet werden wird.

Beschäftigungslos sehen sich diese Menschen dann im Fernsehen zu: johlend, brüllend, sich auf Kommando bezahlter Animateure bedingungslos allen Erniedrigungen freudig hingebend (Game-,Talk- und Comedyshows ), fickend (Pornos), sich gegenseitig abmurksend (Spielfilme), Tips, Tricks und Latest News erhaschend und aufmerksam aufnehmend und befolgend (Propaganda-„Informationssendungen“).

Mit offenem Mund schlucken sie willig-angewiedert das lauwarm, abgestandene Sperma vierundzwanzig Mal pro Sekunde. Realonovelas, neuerdings in 16 zu 9.
Bilder von der Freiheit, Demokratie in Selbstbestimmung! Sie bekommen das, was sie glauben, sich als oberstes Souverän gewünscht zu haben !

Dann sie sehen Bilder von Menschen, die noch nicht demokratisch und frei sind wie sie selbst. Denen es noch nicht so gut geht. Die nicht ihrem, das heisst unserem Way of Live folgen können. Die unaufgeklärt, uninformiert sich verhasster Fremdbestimmung zu beugen haben:
Bilderschleifen von bösen, hysterisch hassenden religiösen Mobs, ausser Rand und Band geratenen Coca-Banditen und eiskalt agierenden chinesischen Ökonomie-Robotern.
Bilderschleifen von Fundamentalisten, Terroristen, Diktatoren und auf den ersten Blick unsympathischen Potentaten von Schurkenstaaten.
Bilder von durch vorsintflutliche Machtapparate Unterdrückte, Verachtete, Gleichgeschaltete, Unwissende, Geschundene, denen geholfen werden muss, die eigentlich auch zu UNS, zu den Guten gehören. Die, wie wir wissen, keinen sehnlicheren Wunsch haben können, als endlich auch befreit zu werden.

11.June.2006 02:56:41pm [Harald]
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (1)
Exzerpte aus „DRUCKWELLEN. FUNDSTÜCKE“ (1)


1

„Ich werde verrückt bei vollem Verstand“
Marguerite Duras



2

Die, die ich auf der Strasse sehe,
in den Warenhäusern und Supermärkten,
in ihren Autos, in Cafes,
in der Bahn, im Fernsehen,
am Morgen, am Mittag, in der Nacht.

Hektischer Frohsinn überall,
gute Laune so gut es geht,
aufgeregtes Geplapper und Geschäftigkeit,
nicht Geizen mit den Reizen,
das einmalige Angebot beim Schopfe packen,
wuselnd-wichtige, wissende Willigkeit.

Ein informel-informiertes,
mechanisches Einverstanden-Sein.
Ein stetiger Strom aus eingeübten Handlungsmustern.

Millionenfache Individualisten,
die alle das gleiche wollen,
das gleiche denken,
das gleiche anziehen,
die nur noch von Dingen träumen,
die sie kaufen können.
Scheinmündige Konsumenten.
Simulierter Sachverstand.

Sozialverhalten, das nur noch ein Markt ist,
auf dem sich fast jeder und jede
als ein Markenprodukt präsentiert,
in Konkurrenz zu dem anderen,
dem man nacheifern,
ihn überflügeln oder
ausstechen muss.

Der millionenfache Versuch,
die eigene Situation
auf Biegen und Brechen
so cool wie möglich in eine
präsentable Form zu bringen.

Jede öffentliche Handlung eine Powerpoint-Projektion.
Schnell erfassbare Bilder für die Augen,
komprimierte Logos für die geistige Elastizität.
Aufzeichnung und Wiedergabe
von formelhaften Blindtexten und Ersatzhandlungen;
konfigurierte Gefühlsstrukturen.

Um immer frei
und bereit zu sein,
für die nächste Update der
gegenwärtigen Durchgangsidentität.
Ein permanentes Leben in Jetztzeit, in der
die Erinnerung als ein hemmender, verkrusteter
Standortnachteil empfunden wird, der
so gut es geht
outgesourced werden muss, auf
Sicherungs-Festplatten
für alle Fälle.
Ein ständiges
sich fit machen
für den Alltag.
Copy-Paste Biografien,
jeder sein eigener Klingeltonsouverän.

Mehr nicht.

Nicht mehr.

01.June.2006 11:27:32am [Harald]
Gestriges RADIO-EINS Interview und Toteninsel
1


Email von heute Morgen:

Lieber Herr Blüchel,

habe Ihr Interview auf Radio 1 vom Tage bzw. Abend gehört und fand sehr interessant, was sie gesagt haben. Ich frage mich aber, ob es wirklich zu mehr Einsichten verhilft, wenn das menschliche Gehirn nicht selektieren würde, wie Sie in dem Gespräch vermuteten. Würde das Gehirn nicht komplett überfordert ohne diesen eingebauten Mechanismus und ist es nicht auch ein Schutz?

Viel Erfolg für Ihre künftigen Projekte wünscht Ihnen
...


Antwort:

Liebe Frau ...,

vielen Dank für Ihre Anmerkung.

Ein Radiointerview hat immer den Nachteil , ( jedenfalls für mich ), einen relativ komplexen Gedanken nur sehr unzureichend ausformulieren zu können.
Zu deutsch: als ich mich gestern Nacht sprechen hörte, fiel mir meine "aufgeregte sprachliche Wirrnis" auf, die sicher damit zu tun hatte, möglichst viel in die kurze Zeit hineinpacken zu wollen.
Da musste ich schmunzeln...wüsste ich nicht, wovon ich reden wollte, ich hätte es sicher selbst nicht verstanden....

Grundsätzlich geht es bei der "Toteninsel" erstmal um das "Gedankenexperiment": was KÖNNTE PASSIEREN, WENN... und zwei Gesichtspunkte in der Ableitung:
a) Asperger-Syndrom/Autismus: wie ein Mensch, dessen cerebrales Filtersystem nicht "normal" ( was ist das ???) funktioniert, eine vollkommen andere Wahrnehmung der Welt hat...
b) "Filtrierungsmöglichkeit" heisst ja erstmal noch nicht, dass die "filtrierten" (vom Gehirn als "nebensächlich" ausgeblendeten Umwelt-Informationen) nicht doch eine Wirkung auf das Sein/Bewusstsein dieses Menschen haben.

Seit Jahr und Tag beschäftigt mich: der immer wieder erlebte Widerspruch/Konflikt zwischen dem, was wir "denken" (zu sein) und dem, was wir in unserer inneren Realität (die unser Handeln unterbewusst bestimmt ), wirklich sind.
Einer unter sehr vielen verschiedenen Gründen ( die alle gegenseitig rückkoppeln ), könnte dieser "Filtrierungsansatz" sein.

Meine künstlerische Arbeit hat sich im Laufe der letzten Jahre dahin entwickelt, mich mit diesen verschiedenen Ansätzen bewusst auseinanderzusetzen. Es geht mir darum - in der Tradition der Romantik (Hölderlin-Schumann-C.D.Friedrich) - über die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema "Was ist der Mensch", " Wie fühlt der Mensch", „Wie erlebt der Mensch“, "Warum denkt er so wie er denkt" innere Zustände des Menschen klanglich abzubilden.

Herzlichen dank für Ihre lieben Wünsche,
und liebe Grüsse

Harald Blüchel



2

Lange nichts mehr hier im Tagebuch geschrieben. Aber seitenweise und tagelang für das Tagebuch geschrieben. Thema: „ Bei vollem Verstand verrückt werden “.

Ein dringendes Bedürfnis, während des konzentrierten Schreibens, immer weiter und weiter zu schreiben. Dabei auf Dinge zu kommen, die ich zu Beginn nicht erwarten konnte, die weit über eine „Selbstdarstellung“ hinausgehen. So den Entschluss gefasst, den im Hintergrund existierenden Gedanken an die virtuelle Leserschaft dadurch auszuschalten, erst einmal ganz für mich allein an den Texten weiterzuarbeiten. Wie bei einer viel versprechenden Komposition, von der ich ja auch nicht sofort die ersten Teilergebnisse herausschreien würde.


3

Grossartige Neuigkeiten:
Wolfgang und ich sind dabei, die lang versprochenen Veröffentlichungen zu mastern. Endlich ! Ich fühlte mich, wenn ich an „Toteninsel“, „caged“ usw. dachte, in den letzten Monaten wieder einmal wie mein eigener Hochdruckkessel. Die Freude über die absehbare Befreiung ist gross. Das Kind will endlich hören lassen, womit es die letzten Jahre gespielt hat ! Um ganz frei zu sein für die Spielzeuge der Gegenwart.

28.March.2006 10:28:09am [Harald]
ANDORRA IV
i

Ein verregneter Sonntag in Berlin. Ich bin aus der Andorra-Welt zurück. Lebe mich wieder ein in einen Rhythmus ohne Theater und ohne dreissig Menschen, mit denen ich täglich zusammen gewesen bin.



ii


Zeit für eine Rückbetrachtung. ( ich verspreche: es wird die letzte sein !!!)

Ich kann sagen: mit „Andorra 2006“ bin ich an dem Punkt angekommen, dessen Richtung ich mit „Andorra 1997“ ( so schliesst sich der Kreis !) einschlagen wollte. Ich wollte eine neue Kompositions - und Klangästhetik, fundiert, eindeutig und eigenständig. Ein „Stellar Supreme“ unter geänderten Bedingungen. Zeitgemässe Musik im Spiegel der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und der sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Leitmotive blieben die gleichen: Gedanken nach draussen mitteilen wollen, die aus einer harten Auseinandersetzung aus „leichter“ Intuition und dem zähen Ringen um musikalische Form resultieren.

Für den Aufbau des „Stellar“/“Cosmic Baby“- Plateaus hatte ich im Prinzip 20 Jahre ( meine Lebensjahre 5 bis 25 ) Zeit gehabt – es bedurfte am Ende nur noch des Funkens, um eine kreative Kettenreaktion in Gang zu bringen. Der Funke war Euphorie in einer bestimmten Zeit, der Motor die emotionale Idealisierung meiner Wünsche an die Welt und meinen Platz darin:

in Joseph Beuysschem Sinne WÄRME übertragen, Beethovens „alle Menschen werden Brüder“ – Traum fühlbar und erlebbar machen wollen – in musikalisch gefälliger und doch neuer Form.

Später: erst eine Ahnung, dann die Gewissheit, Dinge überhöht zu haben. Auch das Erstaunen darüber, wie sehr diese Verklärung als Realitätsfilter ( das Schöne hochhängen, die Zweifel wegdrücken ) dabei half, die Kreativität anzutreiben.
Des - Illusionierung.

Danach: die Frage, welche Schlüsse daraus zu ziehen wären. Das Lavieren, die Ent-Täuschung entweder in Richtung Wut / Arroganz / Verbitterung / Zynismus aufzuheben oder besser doch konstruktivere Schlüsse daraus abzuleiten. Es blieb die bewusste Verabschiedung von einer idealisierten, stark filtrierten Deutungs-, Erfahrungs- und Lebensweise. Ich entschied, die grosse Kluft zwischen Kunstwelt und Lebensrealität kleiner zu machen, um auf stabileren Füssen stehen zu können .

Also: Rückzug ins „Kammermusikalische“, weg von den Situationen der euphorisierenden Massenzusammmenkünfte hin zum Stillen ( nicht zum Chillen! ), zur Intimität, zur Frage nach der Identität ( im Gegensatz zur Stilisierung/Inszenierung ). Leiser, weniger grossspurig, dafür differenter, differenzierter, skeptischer, mehrdimensionaler, also auch polarisierender ...
Zerlegung des grossen Gestus in seine komplizierteren Einzelteile. Wenn möglich, ohne dabei das „Leuchten in den Augen“ zu verlieren ( was öfter geschah, als mir lieb war).

Der grosse Wunsch, irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem die Zusammensetzung der Einzelteile ein komplexeres Ganzes darzustellen vermag, nicht über-verkopft, aber erst recht ohne Simplifizierung / Stilisierung / Konfektionierung ( und damit Ent-Wertung) des Resultats.

Über die Jahre arbeitete ich an Möglichkeiten, Systeme ( so wie sie sich darstellen und nicht so, wie ich sie gerne hätte ) zu analysieren, um ihre inneren Gesetze freilegen zu können.

Kein System funktioniert so, wie es sich selbst darstellt. Denn jedes System steht im Wettbewerb zu Konkurrierenden. Vorteile ( „Verkaufsargumente“ ) verschaffen sie sich durch Manipulation, durch Täuschung, durch Maskierung, durch Stilisierung, durch Design. Da werden Köder ausgeworfen, die erschreckend präzise die Menschen erfolgreich an ihren Grundinstinkten packen. Doch nichts ist umsonst ( auch nicht das Sonderangebot bei „Real“ oder die 100 DM Begrüssungsgeld damals, als es um eine andere DDR ging...) – doch wenn die Maske irgendwann fällt, ist es zu spät. ( denn sie fällt erst dann, wenn der, der täuschte, weiss, dass er es sich nun erlauben kann ) .... Es gilt, sich auf den beschwerlichen Weg zu machen, hinter den Vorhang zu sehen – hinter seinen eigenen und hinter den der äusseren Systeme.


Die einzige Hoffnung, die ausreichen MUSS, um unter den gebotenen Bedingungen leben zu können:
klare, möglichst autarke Standpunkte und Lebenskonstanten zu entwickeln, die es möglich machen, die Widersprüche zwischen Wünschen und Wirklichkeit aushalten zu können. Eine überschaubare Anzahl von Menschen zu haben, mit denen ich – so gut es geht – maskenlos zusammenleben kann, zu denen ich heim kommen kann, an denen ich mich aufrichten kann, mit denen ich frei sein kann, weil sie auf ihre eigene Art Ähnliches wünschen und probieren. In einer Sphäre zu leben, in der die Angst davor möglichst klein ist, das offiziell geforderte Rollenspiel aufzugeben.



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Andorra 2006 ist die erste Landung auf dem neuen künstlerischen Plateau, auf dem ich nun weiter aufbauen kann. Es verbindet eine inhaltliche Analyse, aus der ich klare Aussagen ableitete, mit einer Kompositions- und Klangtechnik, die sich über die Zeit von neun Jahren entwickelte und verdichtete. Die „Zauberberg Trilogie“ wird die Möglichkeit geben, diesen Weg mitgehen zu können. Da liegen die „zerlegten Einzelteile“ ( ebenso in den für mich eminent wichtigen Theaterkompositionen „Memory“ und „Die Frau vom Meer“ ). In den letzten sechs Wochen entstand in Hamburg, so empfinde ich es wenigstens, das erste neue „Gesamtwerk“, in dem alle Details in Präzision, aber ohne Überstrapazierung der einzelnen Teilelemente auf dem gewünschten Punkt liegen.

Sehr wichtig war mir, das Problem der „Wahrnehmung“ ( Max Frisch würde sagen: „die eigene Wachsamkeit“ ) zu einem Hauptthema der musikalischen Konzeption zu machen:

Die Musik klingt „schön“, klingt nach ( und ist auch ) „Kammerflügel“, „vollendet“, „perfekt“,
„makellos“ ...
Doch höre genauer hin ... es offenbaren sich Unzulänglichkeiten, Fehler, Irritationen, es geht nicht wirklich „mit rechten Dingen“ zu ... da „zittert stets das Wasserglas“ (vgl. Tagebuch, Andorra I) ... es kommt auf die Sensibilität des Beteiligten an, was er ( Kraft seiner persönlichen Bedingungen und Möglichkeiten) HÖREN MÖCHTE oder HÖREN KANN... da ist nichts so „natürlich“ und „organisch“ und „wunderbar “ wie es oberflächlich behört den Anschein hatte ... da wird manipuliert: sowohl mit Hilfe der harmonischen Klischees (auf die wir allesamt emotional abgerichtet sind), als auch mit Hilfe der digitalen Technik, die Labor-Künstlichkeit (also profitorientierte Kälte ) als glücklich machende globale Wärme verkauft ... der Blick hinter den Vorhang, hinter die Maske ist von Nöten: hinter die der sauberen, unbescholtenen „Andorraner“ (stellvertretend für unsere unendlich gepriesene westliche Zivilisation als beste aller möglichen Welten) ... der Blick hinter den Vorhang führt dazu, die Risse wahrzunehmen, die Risse, die mit allem Research und Design und PR dieser Welt übertüncht werden, um uns bei der Stange zu halten.

Tünche, die endlich dazu geführt hat, dass die Täuschung ( das Abbild ) als „natürlich“ / „menschlich“ empfunden, das Original ( also das, was den einzelnen Menschen einmal ausgemacht haben könnte ) hingegen auf einer offenen Skala von „nicht repräsentativ“ über „nicht integrierbar“ bis hin zu „ab-artig“ gesellschaftlich abgeschafft wird.



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Was immer die Kritik über diese Inszenierung schreiben wird ( und ich nicht lesen werde... ), die in den nächsten Monaten im Hamburger Schauspielhaus zu erleben sein wird: ich bin stehe mit Überzeugung hinter dem Ergebnis , ich bewundere die Leistungen aller, die an dieser Inszenierung beteiligt waren, ich bin stolz und glücklich, ein Teil davon zu sein. Es war eine ganz eigene Welt en miniature, die wir da miteinander hatten und ich wünsche mir, dass ich im Laufe der nächsten Jahre noch viele davon besuchen kann.


Im Zuge der Hamburger Produktionszeit hatte ich die Möglichkeit und den Anspruch, eine ganze Menge verschiedene Ansätze der Thematik grundsätzlich und ausführlich zu verfolgen. In der Funktion als integrierte Theatermusik hätten viele dieser Spezifikationen weit über die Ziele hinausgeschossen, so dass grosse Teile des komponierten Materials de facto nicht in der Theaterpartitur auftauchen konnten. Umso mehr freue ich mich darauf, nach einem angemessenen zeitlichen Abstand an einem rein musikalischen „Andorra“ auf Tonträger zu arbeiten. Da ich Dank der Zusammenarbeit mit den exzellenten Tonmeistern Shorty und Andre das erste Mal konzeptionell bewusst mit Raumklang gearbeitet habe, kündige ich jetzt schon an, mich eingehend mit einer ausgefeilten Dolby-Surround-Produktion zu beschäftigen. Persönliches Ziel: Fertigstellung Dezember 2006.

P.S: drei Klangbeispiele aus der Theaterpartitur werde ich sehr bald in die „diskografischen Betrachtungen“ stellen.

18.March.2006 12:25:34am [Harald]
ANDORRA III
Mittwoch, 8. März

Nachdem wir auf der richtigen Bühne arbeiten konnten, ist es ein sehr seltsames Gefühl, wieder zurück auf die Probebühne nach Altona zu ziehen. Alles, was wir machen, fühlt sich im A/B – Vergleich nach Schulaulaatmosphäre an. Wir quälen uns über die Runden, nach der grossen Euphorie von letzter Woche. Aber: seit dem Wochenende ist auch die Videokünstlerin an Bord, so dass jetzt alle Komponenten ineinander greifen können. Tina hatte schon letzte Woche zwei der Reihenkompositionen in den Prolog und das 5. Bild gesetzt. Die letzten Tage nutzte ich, um allen Szenen, die „klar“ stehen, den Feinschliff zu geben. Das sind immerhin gut neun von siebzehn Bildern. Am Abend machen wir beide eine Abschlussbesprechung, denn vor dem Sturm, der nächsten Montag beginnen und bis zur Premiere anhalten wird, ist probenfrei. Ich werde also bis Sonntag Nacht Zeit haben, die letzte grosse Liste abzuarbeiten.

I) mit der Regieassistenz einen jedes Detail enthaltenden Ablaufplan des Buchs ( mit allen Zeiten, Cues, Gängen und Positionen der Schauspieler) anfertigen, um nun punktgenau arbeiten zu können ( bis jetzt reichte es ja, ausgewählte Stücke von den CD-Spielern raus und rein zu faden, was für die Proben ja nur gut war, um beim Inszenieren nicht zu festgelegt zu sein. Ab jetzt zählt nicht mehr Pi-mal-Daumen, sondern absolute Exaktheit: noch der kleinste Sound muss zeitlich und räumlich genau da platziert sein, wo er hingehören soll, ohne wenn und aber !!!)
II) Besprechung mit beiden Tonmeistern, um mein Konzept vorzustellen und wir uns gemeinsam darüber Gedanken machen können, wie wir es am besten realisieren. Mögliche technische Probleme abklären, die ich bei der Überspielung der Mixe von mein auf ihr System berücksichtigen muss.
III) Musik für die Bilder komponieren, die ich mir bis ganz zum Schluss aufgehoben habe und die folglich immer noch tonlos laufen...
IV) Aus der Fülle des Materials, von dem irgendwie ( aber leider nur irgendwie ! ) klar ist, dass es eigentlich gut in die Inszenierung passen würde (aber eben noch nicht so, wie es ist ) hieb-und stichfeste Lösungen auf den Punkt bringen.
V) Die Endmixe erstellen. Dafür wiederum ist Vorraussetzung, dass ich eine klare Vorstellung davon entwickle, welche Ebenen der Tonanlage des Schauspielhauses den einzelnen Sounds in den Bildern zugeordnet werden sollen: ich stelle mir einen spannenden, interessanten Aufbau vor, der das Potential der hervorragenden Hausanlage nutzt, dabei aber einer inneren Logik folgt, die klar und in sich geschlossen ist , nicht sinnlos-prahlerisch mit den Möglichkeiten umgeht und vor allem auch eine durchdachte Struktur aufweist, die für die Tonmeister brauchbar ist.


Donnerstag, 9. März


Den Punkt eins realisieren wir zwischen 15.00 Uhr und 19.00 Uhr. Zu jeder Bühnensituation haben wir Diagramme entworfen, mit deren Hilfe das gesamte Geschehen präzise dargestellt ist.
Um 9.00 Morgens begann ich damit, die „Pfarrerbilder“ 2.2 / 8 und 12 komplett neu anzugehen. Endlich fand ich einen Klang, aus dem heraus ich diesen Bildern von meiner Seite eine wirklich überzeugende Färbung, ein Statement, eine Unterstützung geben kann. Das sind immer tolle Momente: seit Wochen habe ich die Bilder im Kopf, habe probiert, aber der wirkliche Funke ist nicht gekommen. Das war alles „nicht schlecht“, aber eben auch nicht genau das, was es in meinen Ohren sein soll – ohne wirklich zu wissen, WIE es denn nun „sein soll“. Das ist wohl grundsätzlich einer der problematischsten Punkte in der Kunst ( wie im anderen leben auch):

.... Balance zwischen Ansprüchen / Wünschen / Ängsten des Scheiterns ..... Geduld haben, auf den richtigen Moment warten können und doch die Spannung aufrecht halten;
mit der inneren Unruhe klar zu kommen, noch tausend ungeklärte Dinge erledigen zu müssen und doch darauf zu vertrauen, dass die Momente kommen werden, in denen sich alles lösen wird;
dabei aber eben trotzdem nicht die anderen vielen Dinge, die ebenfalls getan werden müssen aus den Augen zu verlieren. Sich nicht in Details verbeissen, aber trotzdem nicht mit Halbheiten ( so viel Mühe in sie auch investiert wurden...) zufrieden zu geben, also nachlässig zu werden. Die Ruhe zu haben, nichts künstlich zu verdrängen, mit den Anforderungen leben können, die Widersprüche und den Druck aushalten zu können ... Das schreibt sich so schön und leicht und kann einen zerreissen als Person....


Aber am Morgen war es wieder da: es ist die Resonanz eines dem Pfarrer-Setting zugeordneten h-Akkordes. Ich setze diesen Klang in einer Folge von Ganznoten auf verschiedene Spuren, die dann ab Montag fünf definierten Lautsprechern der Tonanlage zugeordnet werden können. So wird sich die Sequenz im ganzen Saal bewegen können. Ich komme voran. Aber so richtig viel Zeit, mich daran zu erfreuen habe ich nicht. Wenigstens ist Zeit für einen leckeren Salat in der Kanine.


Sonntag, 12. März

Als ich in der Nacht im Schneegestöber vom Theater in die Wohnung taumle, kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen...es reicht gerade noch für eine für eine Tasse Tee und den Gedanken, dass ich jetzt ganz schnell schlafen muss. Aber auch noch schnell den Tagebucheintrag, den ich gestern Nacht geschrieben habe, noch schnell ins Netzt stellen...

Ich habe es geschafft, all das, was ich mir vorgenommen hatte, zum Abschluss zu bringen. Es hätte auch keine Stunde länger mehr dauern dürfen, denn mein Kraftpotential habe ich mehr als ausgeschöpft. Jetzt geht nichts mehr. Es reicht nicht mal mehr für eine kleine Freude über das Erreichte... der letzte Gedanke, den ich vor dem Einschlafen mitnehme, ist schon wieder das Morgen. Die Anspannung, ob die Mixe sich gut überspielen lassen, ob es auf der Saalanlage klingen wird, ob die vier Stunden Einrichtungszeit, die ich den Abteilungen Licht, Bühnenbild und Dramaturgie in harten Verhandlungen abtrotzen konnte, reichen werden, um das gesamte Konzept für den Durchlauf am Abend wenigstens einigermassen fahren zu können und ob das alles dann auch noch mit dem Gesamtwerk funktionieren wird ... ich bin so müde, jetzt, wo ich eigentlich ( wie jeder andere aus dem Team) am allerallermeisten gefordert sein werde: die „Woche der Wahrheit“ beginnt nach dem nächsten Aufwachen !!!!!

13.March.2006 01:37:04am [Harald]
ANDORRA II
Dienstag, 21.Februar

Zurück in Hamburg. Die kleine Zäsur hat mir sehr gut getan und ich setzte mich in guter Stimmung in die S-Bahn nach Altona. Wir proben zum ersten Mal mit Musik. Bild 1. Andri und Barblin werden mit ihren Grundtönen eingeführt, aus denen sich ein magnetisches Klanggeflecht entwickelt. Es scheint, als dass dessen Kraft die Beiden aufeinander zu-bewegen lässt ( „die Fäden“ !!!). Die aus dem „Setting 1“ herausschauende Klaviermelodie wärmt den Dialog der Beiden. Sehr gut - es funktioniert ! Der für mich in meiner Funktion bis jetzt wichtigste Moment in Hamburg: wir erleben, dass Tinas Inszenierung und meine bisher nur im Kopf stattgefundene Klangvorstellung zusammen gehen. Freude und Erleichterung. Mit diesem Gefühl kann ich mich jetzt wieder in mein Musikzimmer begeben und mich an die weitere Entwicklung machen.

„Sommer“, „etwas von Heimatmelodien“, „Idylle und Naivität“ vor dem Hintergrund der Angst ... das ist das Thema der Woche.
Dienstag Abend entstehen die „Reihen“. Ich erarbeite eine Folge von einunddreissig A-Dur Akkorden, die ich vom Flügel am Stück in den Computer spiele. Danach nehme ich für jede Reihenkomposition jeweils drei Akkorde aus dem Material und setze sie miteinander auf verschiedenen Audiospuren in neue Verbindungen. Ich bin fasziniert von den Möglichkeiten, die in dieser scheinbar so strengen und minimalistischen (Aus-)Wahl liegen können. Mit grosser Begeisterung spiele ich bis spät in die Nacht und dann gleich wieder am Mittwoch Morgen bis in den Nachmittag. Es entstehen insgesamt acht dieser „Reihen“. Sie klingen im Zusammenhang wie ein geschlossener Zyklus von Klavierminiaturen, deren klanglicher Reiz darin liegt, dass sie vom Flügel gespielt sind, durch ihre digitale Bearbeitung und Montage jedoch einen ganz eigenen Charakter bekommen. Atmosphärisch gehen sie von „verträumt - kindlich“ über „idyllisch“, „dörflich-pastoral“ zu „Sehnsucht nach Hellem“ , „in der Luft liegende Bedrohung“ und „traurige Gewissheit“.


Mittwoch, 22. Februar

Abends trifft sich die gesamte Crew zum Essen, wir feiern die „Produktionsmitte“ in der Filmhauskneipe. Wir können guter Dinge sein: alle Bilder des Stückes sind mindestens schon angelegt und grundsätzlich durchgeprobt. Die Basis steht, wir können uns Schritt für Schritt an den Feinschliff machen, an die Details gehen.
Meine nächste Aufgabe: Musik für die „Senora“, deren Person im Stück die quasi-ausserirdische Gegenwelt zur (von allen Andorranern betont) so friedlichen, humanen und sauberen Andorra-Idyllen-Enge transportieren soll

Das Tempo Andorras liegt im Bereich von 80 Schlägen. Das Elegante, Weitläufige, Andere könnte demnach in einer weitaus höheren Geschwindikeit daher kommen. Ich sehe mich im Geiste an einem Bahndamm stehen, an dem neben den vielen regionalen Zügen einmal am Tag eine Primadonna in Form eines internationalen Schnellzuges (vgl. „Besuch der alten Dame“) vorbeirauscht ... Ich folge diesem Gefühl und mache mir beim Spielen am Flügel Gedanken über Assoziationen, die wir im Laufe des Stückes über die Senora ( und damit auch über den Lehrer und vor allem Andri) erfahren werden: von der Liebe zum Lehrer vor zwanzig Jahren, von ihrem gemeinsamen Kind, dem nach dem offensichtlichen Scheitern der Beziehung die Legende angedichtet wurde, ein exotisches ( „jüdisches“) Findelkind zu sein, das der progressive Lehrer in seiner unendlichen Menschlichkeit zu sich nahm ...
Noch in der Nacht steht die Skizze.


Donnerstag, 23. Februar

Der seelisch-inhaltliche Charakter steht – jetzt kann ich mich am Morgen an die Aura der Senora-Musik machen; ich kleide also die Person in ihr klangliches ein: sind die Andorraner „gemütliche Leut`“, so muss die Senora extrem „brilliant“ klingen. Liegt im schwülen, aufgeladenen Andorra „ein Gewitter in der Luft“, so brauche ich für sie elegante Kühle. Ist Andorra der überschaubare „Hort des Friedens“, so muss es hier grossräumig tönen.
Zum ersten Mal setze ich nun grosse Hall – und Echogeräte ein. Das Ergebnis befriedigt mich in höchstem Masse: ich höre eine „andere Welt“, die aber gleichzeitig nicht das Konzept sprengt, für die gesamte Andorra-Produktion ausschliesslich Klänge eines einzigen Flügels zu verwenden.

Nachmittags überarbeite ich noch einmal die letzte Woche gemachten und während der Proben auch schon eingesetzten Takes zu den „Soldatenbildern“ 2, 4 und 7. Während der Proben bekam ich das Gefühl, diese ( als einzige der ganzen Partitur) rhythmisch angelegten Variationen noch weiter voranzutreiben, noch zwingender machen zu müssen: bisher kommen die Percussionssounds allesamt aus dem Innenraum des Flügels. Ich gebe mir einen ideologischen Ruck und lege zwei Schlagzeugloops unter den vorhandenen Beat. Ergebnis ist eine spürbare Verdichtung des Höreindrucks ... das Hitzige, das Gewalt-Sinnliche des Dreicks Barblin – Soldat – Andri kommt nun überzeugender zum Tragen.
Also, kleine Anmerkung zum Gesamtkonzept: alle Klänge der Produktion sind mit dem im Musikzimmer stehenden Flügel gemacht worden, mit Ausnahme von zwei Schlagzeugloops ( und einer Rhythmusmaschinenspur, die noch an späterer Stelle auftreten wird...).


Freitag, 24. Februar

Ich gehe die Arbeit der Woche durch, feile hier und da noch ein bisschen an dem Entstandenen Stücken, kreiere noch zwei neue Reihenstücke und kann Tina in der Abendprobe viel Neues auf CD gebrannt in die Hand geben. Glücklich, aber ganz schön ausgepowert freue ich mich auf zwei Erholungstage.


Mittwoch, 1.März

Heute ist wieder einmal ein besonderer Tag des Produktionsgeschehens. Uns steht bis Samstag die Orginalbühne im Schauspielhaus zur Verfügung. Ein Quantensprung, eine andere Welt: die „richtigen“ Bühnenbauten, „richtiges“ Licht, „richtiger“ Sound. Da geht einem das Herz auf !!!


Freitag, 3.März

Um 22.00 Uhr sitzen wir in der Kantine mit leuchtenden Augen. Die beiden letzten Tage haben extrem viel Freude gemacht. Nach szenischen Proben am Donnerstag, gab es am Freitag mit Ausnahme des Schlussbildes zwei Komplettdurchläufe. Einzelne Szenen für sich zu betrachten und im Detail zu formen, ist das ( vorausgesetzte ) Eine; ob sie in der Gesamtheit einen schlüssigen und aufregenden Rhythmus ergeben, ist das Andere. Zu unserer aller Freude liefen die Übergänge überraschend prima. Und noch sind zwei Wochen Zeit !
Meine Ziele für die nächste Woche: alles, was ich bei den Gesamtdurchläufen gesehen, oder von der Regie angemerkt wurde, jetzt präzisieren: das ausgewählte Material, das passt, in den Details perfektionieren; mich andererseits von Dingen endgültig verabschieden, die eher „so lala“ als Halblösungen mitliefen oder rein musikalisch zwar prima sind, aber im Gesamtkontext des Stückes sich als nicht wirklich passend herausstellten. Wie alle anderen in ihren Bereichen kann auch ich mir nun ein klareres Bild davon machen, was summa summarum in der Musik wirklich stimmt. Zudem wird nun auch klar, an welchen speziellen Stellen der Inszenierung die Musik noch einmal richtig angreifen muss !

27.February.2006 09:54:15pm [Harald]
Andorra I
Samstag, 4.Februar 2006

Seit heute bin ich Hamburger auf Zeit. Ich öffne die Fenster meiner Wohnung und strecke meinen Kopf mit geschlossenen Augen heraus aus dem ersten Stock. Vom Klang her Grossstadt, im Schrittempo fahrende Autokolonnen in Einbahnstrassenrichtung von rechts nach links, heftiges Menschengeläuf, laute, meist hektische Stimmen in verschiedenen Sprachen, Absatzgeklapper. Ich versuche tief einzuatmen. Die Luft gibt mir nicht wirklich einen konkreten Anhaltspunkt ... eine Nicht-Luft, die mir in die Nase kommt. Das liegt vielleicht auch an meiner immer noch bestehenden –aber schon deutlich abklingenden – Nasennebenhöhlenentzündung, die meine Ankunft um eine Woche verzögerte.




Sonntag, 5.Februar

Erkundung der Umgebung: ich lebe in St. Georg, also absolut dran am Wesentlichen: 3 Minuten zum Hauptbahnhof und unschlagbare 2 Minuten zum Schauspielhaus. Zur Aussenalster an der „Langen Reihe“ vorbei (die mich, wie ich realisiere mit den Grundnahrungsmitteln versorgen wird ) führt mich mein allererster Spaziergang in 10 Minuten. Vorgenommen habe ich mir etwa ein Viertel des Weges bis hoch zum „Bellevue“ – doch weil`s so schön ist und ich auch noch Kraft habe, mache ich die gesamte Umrundung. Danach bin ich aber echt müde und entspanne für den Rest des Tages. Morgen wird ein harte