PARTITUR – Take ONE
Die Bildende Künstlerin Marianne Lindow gestaltet ein Alphabet an Zeichen, das wie eine Schnittstelle zwischen ihr und anderen Künstlern fungiert. Ihre Fragestellung nach einer allgemein gültigen Gestaltungsform innerhalb von Kunst und Musik gibt sie an ihre Kollegen weiter. Was als schematische Darstellungen begann, nimmt nun als Partitur seinen Lauf und wird von anderen Künstlern und Musikern übertragen.
Die visuelle Komposition liegt in einem Katalog mit allen 96 Elementen vor und wurde jedem weiteren Künstler weiter gereicht, um die Zeichen in ihrem Video zu animieren. Später erhielten die Musiker Katalog und Video, um den sich bewegenden Zeichen ihren Sound mitzugeben.
Die Trilogie setzt sich aus drei Duetten zusammen:
die erste, „Take ONE“ mit Computeranimationen von Michael Baumann und Musik von Harald Blüchel, wird von einem hellen Soundtrack an flirrenden Rhythmen getragen. Über sieben getaktete Minuten befinden wir uns auf einem Spaziergang durch die Welt der Geometrie, wobei hier die Anlehnung an die klare Formenästhetik gegen Ende der 1990er Jahre deutlich zu sehen ist. Die Struktur von „Take ONE“ folgt dem Präsentationsschema einer Kür, einer kurzformatigen Vorstellung von dem ästhetischen Potenzial, der in einem Baukasten an Formen innewohnt. Für wenige Sekunden scheinen sich die Striche und Figuren auf der weißen Bildfläche zu orientieren, falten sich aus und verharren, um dann so unaufgeregt, wie sie erschienen sind, wieder zu verschwinden.
Das Ätherische in der Musik von Harald Blüchel lässt an die post-Techno-Phase von Mille Plateaux und andere Vertreter der damaligen Clicks n‘Cuts – Welle denken. Durch weiche, Marimba-ähnliche Synthesizerpatterns werden die sich im ständigen Auf- und Abbau befindlichen Schlieren, das fließende Verknüpfen von Punkten und zweidimen- sionalen Polygonen zu einem Erlebnis der Endlosigkeit. „Take ONE“ besticht nicht durch kompositorische Hakensprünge oder unglaubliche, die Augen überflutende Visualisierungen von Mathematik. Es ist vielmehr die leise Überraschung, die den Reiz ausmacht, denn schon nach den ersten Sekunden wird deutlich: es braucht nicht viel, um uns mit wenigen Mitteln auf die Reise zu nehmen. (…)
Die „Partitur“- Trilogie verbindet aktuelle Bildende Kunst, Musik und Computeranimation und verbeugt sich respektvoll vor der Stunde Null der digitalen Audiovision, voller Verspieltheit – und voller Glitches.
Lea Pischke, 2020
Musik:
Komponiert & gespielt von Harald Blüchel
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