{"id":10988,"date":"2026-02-07T00:36:48","date_gmt":"2026-02-06T23:36:48","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.harald-bluechel.com\/?post_type=product&#038;p=10988"},"modified":"2026-04-12T12:33:52","modified_gmt":"2026-04-12T10:33:52","slug":"andorra-2006","status":"publish","type":"product","link":"https:\/\/www.harald-bluechel.com\/en\/shop\/werke\/andorra-2006\/","title":{"rendered":"Andorra 2006"},"content":{"rendered":"<p><strong>i<\/strong><\/p>\n<p>Ein verregneter Sonntag in Berlin. Ich bin aus der Andorra-Welt zuru\u0308ck. Lebe mich wieder ein in einen Rhythmus ohne Theater und ohne dreissig Menschen, mit denen ich ta\u0308glich zusammen gewesen bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ii<\/strong><\/p>\n<p>Zeit fu\u0308r eine Ru\u0308ckbetrachtung.<\/p>\n<p>Ich kann sagen: mit \u201eAndorra 2006\u201c bin ich an dem Punkt angekommen, dessen Richtung ich mit \u201eAndorra 1997\u201c ( so schliesst sich der Kreis !) einschlagen wollte. Ich wollte eine neue Kompositions &#8211; und Klanga\u0308sthetik, fundiert, eindeutig und eigensta\u0308ndig. Ein \u201eStellar Supreme\u201c unter gea\u0308nderten Bedingungen. Zeitgema\u0308sse Musik im Spiegel der Entwicklung der eigenen Perso\u0308nlichkeit und der sich vera\u0308ndernden gesellschaftlichen Verha\u0308ltnisse.<\/p>\n<p>Die Leitmotive blieben die gleichen: Gedanken nach draussen mitteilen wollen, die aus einer harten Auseinandersetzung aus \u201eleichter\u201c Intuition und dem za\u0308hen Ringen um musikalische Form resultieren.<\/p>\n<p>Fu\u0308r den Aufbau des \u201eStellar\u201c\/\u201cCosmic Baby\u201c- Plateaus hatte ich im Prinzip 20 Jahre (meine Lebensjahre 5 bis 25) Zeit gehabt: es bedurfte am Ende nur noch des Funkens, um eine kreative Kettenreaktion in Gang zu bringen. Der Funke war Euphorie in einer bestimmten Zeit, der Motor die emotionale Idealisierung meiner Wu\u0308nsche an die Welt und meinen Platz darin:<\/p>\n<p>in Joseph Beuysschem Sinne WA\u0308RME u\u0308bertragen, Beethovens \u201ealle Menschen werden Bru\u0308der\u201c &#8211; Traum fu\u0308hlbar und erlebbar machen wollen in musikalisch gefa\u0308lliger und doch neuer Form.<\/p>\n<p>Spa\u0308ter: erst eine Ahnung, dann die Gewissheit, Dinge u\u0308berho\u0308ht zu haben. Auch das Erstaunen daru\u0308ber, wie sehr diese Verkla\u0308rung als Realita\u0308tsfilter ( das Scho\u0308ne hochha\u0308ngen, die Zweifel wegdru\u0308cken ) dabei half, die Kreativita\u0308t anzutreiben.<br \/>\nDes &#8211; Illusionierung.<\/p>\n<p>Danach: die Frage, welche Schlu\u0308sse daraus zu ziehen wa\u0308ren. Das Lavieren, die Ent- Ta\u0308uschung entweder in Richtung Wut \/ Arroganz \/ Verbitterung \/ Zynismus aufzuheben oder besser doch konstruktivere Schlu\u0308sse daraus abzuleiten. Es blieb die bewusste Verabschiedung von einer idealisierten, stark filtrierten Deutungs-, Erfahrungs- und Lebensweise. Ich entschied, die grosse Kluft zwischen Kunstwelt und Lebensrealita\u0308t kleiner zu machen, um auf stabileren Fu\u0308ssen stehen zu ko\u0308nnen .<\/p>\n<p>Also: Ru\u0308ckzug ins \u201eKammermusikalische\u201c, weg von den Situationen der euphorisierenden Massenzusammmenku\u0308nfte hin zum Stillen ( nicht zum Chillen! ), zur Intimita\u0308t, zur Frage nach der Identita\u0308t ( im Gegensatz zur Stilisierung\/Inszenierung ). Leiser, weniger grossspurig, dafu\u0308r etwas differenter, differenzierter, skeptischer, mehrdimensionaler, also auch polarisierender &#8230;<\/p>\n<p>Zerlegung des grossen Gestus in seine komplizierteren Einzelteile. Wenn mo\u0308glich, ohne dabei das \u201eLeuchten in den Augen\u201c zu verlieren ( was o\u0308fter geschah, als mir lieb war).<\/p>\n<p>Der grosse Wunsch, irgendwann an den Punkt zu kommen, an dem die Zusammensetzung der Einzelteile ein komplexeres Ganzes darzustellen vermag, nicht u\u0308ber-verkopft, aber erst recht ohne Simplifizierung \/ Stilisierung \/ Konfektionierung ( und damit Ent-Wertung) des Resultats.<\/p>\n<p>U\u0308ber die Jahre arbeitete ich an Mo\u0308glichkeiten, Systeme ( so wie sie sich darstellen und nicht so, wie ich sie gerne ha\u0308tte ) zu analysieren, um ihre inneren Gesetze freilegen zu ko\u0308nnen.<\/p>\n<p>Kein System funktioniert so, wie es sich selbst darstellt. Denn jedes System steht im Wettbewerb zu Konkurrierenden. Vorteile ( \u201eVerkaufsargumente\u201c ) verschaffen sie sich durch Manipulation, durch Ta\u0308uschung, durch Maskierung, durch Stilisierung, durch Design. Da werden Ko\u0308der ausgeworfen, die erschreckend pra\u0308zise die Menschen erfolgreich an ihren Grundinstinkten packen. Doch nichts ist umsonst ( auch nicht das Sonderangebot bei \u201eReal\u201c oder die 100 DM Begru\u0308ssungsgeld damals, als es um eine andere DDR ging&#8230;). Doch wenn die Maske irgendwann fa\u0308llt, ist es zu spa\u0308t. ( denn sie fa\u0308llt erst dann, wenn der, der ta\u0308uschte, weiss, dass er es sich nun erlauben kann ) &#8230;. Es gilt, sich auf den beschwerlichen Weg zu machen, hinter den Vorhang zu sehen; hinter seinen eigenen und hinter den der a\u0308usseren Systeme.<\/p>\n<p>Die einzige Hoffnung, die ausreichen MUSS, um unter den gebotenen Bedingungen leben zu ko\u0308nnen:<br \/>\nklare, mo\u0308glichst autarke Standpunkte und Lebenskonstanten zu entwickeln, die es mo\u0308glich machen, die Widerspru\u0308che zwischen Wu\u0308nschen und Wirklichkeit aushalten zu ko\u0308nnen. Eine u\u0308berschaubare Anzahl von Menschen zu haben, mit denen ich &#8211; so gut es geht &#8211; maskenlos zusammenleben kann, zu denen ich heim kommen kann, an denen ich mich aufrichten kann, mit denen ich frei sein kann, weil sie auf ihre eigene Art A\u0308hnliches wu\u0308nschen und probieren. In einer Spha\u0308re zu leben, in der die Angst davor mo\u0308glichst klein ist, das offiziell geforderte Rollenspiel aufzugeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>iii<\/strong><\/p>\n<p>Andorra 2006 ist die erste Landung auf dem neuen ku\u0308nstlerischen Plateau, auf dem ich nun weiter aufbauen kann. Es verbindet eine inhaltliche Analyse, aus der ich klare Aussagen ableitete, mit einer Kompositions- und Klangtechnik, die sich u\u0308ber die Zeit von neun Jahren entwickelte und verdichtete. Die \u201eZauberberg Trilogie\u201c wird die Mo\u0308glichkeit geben, diesen Weg mitgehen zu ko\u0308nnen. Da liegen die \u201ezerlegten Einzelteile\u201c ( ebenso in den fu\u0308r mich eminent wichtigen Theaterkompositionen \u201eMemory\u201c und \u201eDie Frau vom Meer\u201c ). In den letzten sechs Wochen entstand in Hamburg, so empfinde ich es wenigstens, das erste neue \u201eGesamtwerk\u201c, in dem alle Details in Pra\u0308zision, aber ohne U\u0308berstrapazierung der einzelnen Teilelemente auf dem gewu\u0308nschten Punkt liegen.<\/p>\n<p>Sehr wichtig war mir, das Problem der \u201eWahrnehmung\u201c ( Max Frisch wu\u0308rde sagen: \u201edie eigene Wachsamkeit\u201c ) zu einem Hauptthema der musikalischen Konzeption zu machen:<\/p>\n<p>Die Musik klingt \u201escho\u0308n\u201c, klingt nach ( und ist auch ) \u201eKammerflu\u0308gel\u201c, \u201evollendet\u201c, \u201eperfekt\u201c, \u201emakellos\u201c &#8230;<br \/>\nDoch ho\u0308re genauer hin &#8230; es offenbaren sich Unzula\u0308nglichkeiten, Fehler, Irritationen, es geht nicht wirklich \u201emit rechten Dingen\u201c zu &#8230; da \u201ezittert stets das Wasserglas\u201c (vgl. Tagebuch, Andorra I) &#8230; es kommt auf die Sensibilita\u0308t des Beteiligten an, was er ( Kraft seiner perso\u0308nlichen Bedingungen und Mo\u0308glichkeiten) HO\u0308REN MO\u0308CHTE oder HO\u0308REN KANN&#8230; da ist nichts so \u201enatu\u0308rlich und organisch und wunderbar\u201c wie es oberfla\u0308chlich beho\u0308rt den Anschein hatte &#8230; da wird manipuliert: sowohl mit Hilfe der harmonischen Klischees (auf die wir allesamt emotional abgerichtet sind), als auch mit Hilfe der digitalen Technik, die Labor-Ku\u0308nstlichkeit (also profitorientierte Ka\u0308lte ) als glu\u0308cklich machende globale Wa\u0308rme verkauft &#8230; der Blick hinter den Vorhang, hinter die Maske ist von No\u0308ten: hinter die der sauberen, unbescholtenen Andorraner (stellvertretend fu\u0308r unsere unendlich gepriesene westliche Zivilisation als beste aller mo\u0308glichen Welten) &#8230; der Blick hinter den Vorhang fu\u0308hrt dazu, die Risse wahrzunehmen, die Risse, die mit allem Research und Design und PR dieser Welt u\u0308bertu\u0308ncht werden, um uns bei der Stange zu halten.<\/p>\n<p>Tu\u0308nche, die endlich dazu gefu\u0308hrt hat, dass die Ta\u0308uschung (das Abbild) als \u201enatu\u0308rlich \/ menschlich\u201c empfunden, das Original (also das, was den einzelnen Menschen einmal ausgemacht haben ko\u0308nnte) hingegen auf einer offenen Skala von \u201enicht repra\u0308sentativ\u201c u\u0308ber \u201enicht integrierbar\u201c bis hin zu \u201eab-artig\u201c gesellschaftlich abgeschafft wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>iiii<\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge der Hamburger Produktionszeit hatte ich die Mo\u0308glichkeit und den Anspruch, eine ganze Menge verschiedene Ansa\u0308tze der Thematik grundsa\u0308tzlich und ausfu\u0308hrlich zu verfolgen. In der Funktion als integrierte Theatermusik ha\u0308tten viele dieser Spezifikationen weit u\u0308ber die Ziele hinausgeschossen, so dass grosse Teile des komponierten Materials de facto nicht in der Theaterpartitur auftauchen konnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>i Ein verregneter Sonntag in Berlin. Ich bin aus der Andorra-Welt zuru\u0308ck. 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