Welt im Kopf
Die Video-Oper «Memory» im Neumarkt-Theater macht Spass.Kunst trifft auf Können, Choreografie auf bewegte Bilder und Gestern auf Heute. Dass dies auch gut klingt, dafür sorgt ein Mann im Hintergrund: die Techno-Legende Cosmic Baby.
Fällt der Ausdruck «Memory», denkt man sofort an Festplatten- und Arbeitsspeicher, allenthalben noch an ein Legespiel. Der englische Ausdruck, der dahintersteckt, steht für Erinnerung. Im Alltag treffen wir laufend auf gesellschaftliche und künstlerische Auseinandersetzungen mit Erinnerung – ob als wehmütiges Zurückdenken an glorreichere Zeiten (Deutsche Fussballnationalmannschaft), in verklärten Rocksongs («Summer Of 69») oder in Form billiger Spielfilme («I Was A Teenage Zappadoing»).
Handelt es sich um vielschichtigere Themenkomplexe im Zusammenhang mit der Vergangenheit, reichen einfache Gemüter wie Fussballer, Rockstars und Filmleute nicht mehr aus – dann müssen die Profis ran. Etwa das Theater Neu-markt, in dessen aktuellem Beitrag zu den Zürcher Theaterfestspielen ein Erin-nerungsgebäude aus verschiedensten Kreativbausteinen gemauert wird. Das Werk heisst «Memory» und gibt sich als Videooper, oder genauer gesagt als Vi-deosprechoper, denn gesungen wird hier nicht. Basierend auf dem Dokumentarfilm von Crescentia Dünsser und Martin Döcker «Mit Haut und Haar», in dessen Verlauf sechs alte Frauen aus ihrem Leben erzählen, gruppieren sich die Aktionen auf der Neumarkt-Bühne um drei grosse Leinwände, auf denen drei der sechs alten Frauen zu Wort kommen.
Davor, dazwischen, dahinter und daneben entstehen laufend neue Erinnerungs-räume, aufgespannt von den (teilweise verfremdeten) Statements der Lein-wand-Rentnerinnen, live gespielter Mu-sik, zu Dialogen ergänzten, nachgesprochenen Filmmonologen und frei choreografiertem Tanz. Mittels Videokamera eingefrorene Aufnahmen von Körperstellen der drei Schauspielenden malen dabei ebenso am Gesamtbild mit, wie das in stoischer Ruhe werkelnde, in der Bühnenmitte platzierte Streichquartett. Ein prima Theaterspektakel also, das da unter der Maurerkelle von Regisseur Otto «The Man in Black» Kukla hochgezogen wurde. Belebt von quirliger, unprätentiöser Schauspielkunst und inszeniert mit nicht unbeträchtlichem Tech-nologie-Aufgebot.
DER HEIMLICHE STAR des Abends ist freilich nicht auf der Bühne zu sehen: Harald Blüchel, Komponist der «Memo-ry»-Musik. Unter seinem Kampfnamen Cosmic Baby feierte der Wahlberliner in der aufstrebenden Technoszene frühen Neunzigerjahre schöne Erfolge, etwa auf der Mayday 2 in Köln oder vor fünf Jahren an der Street Parade in Zü-rich. Die von Kommerzmüll eingekesselte Technomusik liess er in der Folge immer stärker in den Hintergrund gleiten und wandte sich anspruchsvolleren Kompositionsarbeiten zu.
Mit dem Soundtrack zur vorliegenden Videooper stellt Cosmic Baby einmal mehr seine erstaunliche Vielseitigkeitlangsam auskristallisierenden Erinnerungen legt; eine Musik, die zerrt und zupft, mitunter zu bersten droht und doch in beruhigend-minimale Rhythmen mündet. Konzentriert, prägnant, ausgebufft – mit solcher Untermalung machen selbst Opern Spass.
Uraufführung: 29. Juni, 20 Uhr, weitere Aufführungen: 30. Juni – 3. Juli Theater Neumarkt, Zürich.
Text: Philippe Amrein