FELIX DENK, SVEN VON THÜLEN: Der Klang der Familie, Suhrkamp Verlag, Interviewfragen

FELIX DENK, SVEN VON THÜLEN: Der Klang der Familie. Berlin, Techno und die Wende. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, autorisiertes Interview-material zum Buch

 

Wie kamst Du zur elektronischen Musik?

Ich habe Musik sehr früh als Kind entdeckt:  als Möglichkeit, in meiner eigenen Welt leben zu können, die von der Wahrnehmung und Interpretation oft nicht kompatibel zu der Welt der anderen Menschen in meinem Umfeld war. Im Klavier fand ich das Objekt meiner Leidenschaft. Beim Spielen musste ich mich nicht erklären, ich hatte die Deutungshoheit, es bedeutete für mich Freiheit und Freude, etwas, das aus mir selbst herauskam. Später bekam ich Unterricht. Nach einem Jahr gab mich meine Klavierlehrerin an das Konservatorium weiter. Die Musikausbildung dort lief nach sehr autoritären Spielregeln ab. Das machten Leute, die ihre eigenen Intentionen in ihre Schüler hineinprojizieren, sie quasi zu ihrem Werkzeug abrichten, deinen eigenen Willen brechen wollen, um dich auf diese Art und Weise formbar für Ihre Vorstellungen zu machen. Sie wollen bestimmen, wie Musik zu sein hat, was du zu tun hast und was nicht. Irgendwann war die Grenze erreicht, an der die Musik für mich zu formalem Zwang geworden war, zu Leistungssport, also zum Gegenteil davon, was die Musik für mich bedeutete. Ich hatte das Glück, Mitte der 70er Jahre auf Musik zu stoßen, die -anders als konventionelle Pop- und Rockmusik- eine klassische Ästhetik hatte, aber für mich nicht akademisch kontaminiert war: Kraftwerk, Cluster, Neu!, Can, Tangerine Dream Neue Musik, die für mich von Beginn an eine unglaubliche Faszination ausübte. Mit solchen Klängen wollte ich nun auch spielen. Und zurück kam das Gefühl, es wieder nach meinen eigenen Spielregeln machen zu können: ohne jemanden hinter mir, der mir sagte, was richtig oder falsch dabei ist. So kam ich zur elektronischen Musik. Und so blieb ich in der Musik und bei mir.

 

Was hattest Du künstlerisch vor?

Etwas zu machen, auch wenn es spröde und ungewohnt, aber eben so klingt, wie man es in seinem inneren Ohr hört, war immer wichtig für meinen musikalischen Weg. In der Zeit zwischen etwa 1978 und 1982 gab es einen Überfluss an mich inspirierenden modernen musikalischen Stilen und Gruppen, die mich nachhaltig geprägt haben: der Bogen reicht von Throbbing Gristle, Tuxedo Moon über Der Plan, DAF, Residents, Human League, Yello bis zu Giorgio Moroder und Soul Sonic Force, gleichzeitig inspirierte mich klassische minimal music von Steve Reich und Philip Glass. Ich hatte eine Rhythmusmaschine. Die habe ich stundenlang laufen lassen und dazu auf dem Klavier Sequenzen gespielt. Die Wiederholung habe ich immer geliebt. Die Wiederholung hat für mich etwas stark Euphorisches. In ihr fand ich eine Energie. Über das Wiederholen kann man Kontrollieren und gleichzeitig die Kontrolle verlieren. Man ist voll konzentriert und gleichzeitig in einer Meditation. Kopf und Körper beginnen zu fliegen!  Man wird frei. Ich habe viel experimentiert. Meinen ersten Synthesizer bekommen, vom Radio das Rauschen und Stimmen aufgenommen, zu laufenden Platten gespielt oder mit zwei Kassettenrekordern hin und her aufgenommen.

 

Wie empfandest Du Deine Ankunft in Berlin?

Als ich 1986 aus Nürnberg nach Berlin kam, schien elektronische Musik nicht gerade die Musik zu sein, auf die die Stadt gewartet hat. Der Zeitgeist in West-Berlin war Nick Cave und Blixa Bargeld, das waren die Leitbilder. So sah ich leider weder aus, noch spiegelten sie mein Lebensgefühl: überhaupt fühlte ich mich, als ich in der Stadt ankam, zu klein, zu zart, zu versponnen, zu uncool für diese Stadt.

An der Hochschule der Künste traf ich eher Leute, bei denen ihr vorheriges Konservatoriumsdasein das von Oben gewünschte Ergebnis gezeitigt hatte: sie fühlten sich meist an wie kleine Klassikabspielmaschinchen.  Immerhin waren meine Eltern beruhigt, dass ihr bürgerliches Kind etwas Schönes und Sinnvolles macht. Ich hatte viel Freiraum. Einen existentiellen Druck, oder Angst, was einmal aus mir werden könnte, spürte ich nicht. An der HdK konnte ich einen Fairlight-Computer benutzen, eine Phantommaschine, von der ich theoretisch wußte, dass sie maßgeblich den Sound von Trevor Horn, Heaven 17, Yello und Art of Noise prägte . Die TU/HdK war eine der ganz wenigen Unis, die ihn hatten. Man musste sich eintragen, wie am Tennisplatz, um ihn im Studio spielen zu dürfen.  Leider hat nichts wirklich funktioniert, weil keiner der damals Verantwortlichen sich mit der Technologie auskannte und das Equipment professionell warten konnte. So arbeitete ich meist mit meinen wenigen eigenen Geräten, was  den positiven Effekt hatte, hinsichtlich der quantitativen und qualitativen Einschränkung ein Höchstmaß an eigener Kreativität herauszuholen.

 

Wie hast Du Kid Paul kennen gelernt? 

Paul hab ich im Ufo kennengelernt. Er war 13, ich 26. Das erste Set, das ich von ihm hörte war brillant. Er hatte eine großartige Auswahl an Platten und war technisch von Anfang an auf hohem Niveau. Ein exzellenter DJ  ist wie ein Dirigent: er schöpft aus der Partitur, d.h. seinem musikalischen Material und arrangiert bzw. dramaturgisiert es in stringenter Weise der Art, dass es ein unverwechselbares klangliches und emotionales Ereignis ergibt. An Paul überzeugte mich von Anfang an, wie er Spannungsbögen entwickeln konnte, seine individuelle Sound-Handschrift, seine Begeisterung, wie auch die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Berufung anging. Wir wurden bald enge Freunde und musikalische Weggefährten. Und lernten auf musikalischer Ebene unglaublich viel voneinander. Außerdem verband uns im Laufe der Jahre das zunehmende widersprüchliche Gefühl, auf der einen Seite -gerne!- im gefeierten Zentrum des aufkommenden Techno-Orkans zu stehen, gleichzeitig aber auch eine unterschwellige, merkwürdige, damals noch nicht definierbare, wachsende Distanz zu spüren, zu dem, was wir da teilweise erlebten … heute würde ich es so nennen: das Anders Sein im kollektiven Anders-Sein.

 

Schildere uns Deine Eindrücke aus dem UFO-Club 1990-1991…

Es war für mich ein wahnsinniges Glücksgefühl, einen Ort zu haben, an dem ich jeden Abend neue Musik hörte und mit einer kindlichen Neugier jede Information neu verarbeiten konnte. Ich fühlte mich dort aufgehoben wie in einer großen Familie. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich rundherum bestätigt, in dem was ich mir wünschte und dem, was ich tat. Und Leute kennenzulernen, die sich auf einer Wellenlänge befanden. Künstler-Sein und Publikum-Sein war ein und dasselbe. In den damals angesagten „regulären“ Clubs wie dem Dschungel oder dem Risiko fühlte ich mich eher als zugelassener Zuschauer. Dabei wollte ich doch aktiver Teil sein, mitmachen, gestalten, mitverantwortlich sein. Und das waren wir im UFO. Fast jeder, der das wollte. Da gab es nicht die Unterscheidung, da tanzt jemand nur, macht nur die Deko, schenkt nur Drinks an der Bar aus, legt nur auf. Das schien alles Eins. Ein Wunschbild nahm Tag um Tag mehr konkrete Formen an, wurde also zur Wirklichkeit!

 

 

Monika Dietl und ihr Einfluss auf Dich?

Monika Dietl war genauso wichtig, wie die wichtigsten Künstler in der Stadt. Ohne sie hätte ich gar nicht gewusst, dass es auch andere gibt, die so etwas ähnliches machen wie ich selbst.

Ich war vom Donner gerührt, als ich in ihrer Sendung zum ersten Mal House aus Chicago gehört habe und realisierte, dass die Musiker dort mit denselben billigen Instrumenten arbeiteten wie ich. Was Schöneres gibt es ja gar nicht. Aus Chicago kam viel spannende Musik. Aus Detriot. Aus England. Aus Belgien. Aus Deutschland. Das empfand ich, wie eine Menge Freunde überall auf der Welt zu haben, ohne sie persönlich zu kennen.

 

Deine Verbindung zur DDR…

Das Gros meiner Verwandtschaft wohnte und wohnt im Osten. Über meine vielen Reisen in die DDR habe ich dort immer mehr Leute kennengelernt, Studenten, Schriftsteller, Schauspieler, Leute aus dem kirchlichen Umfeld.  Als sich die Dinge dort zu verändern begannen, wollte dabei sein. Es war mir ein persönliches Anliegen. Viele Freunde von mir hatten viel dafür getan, dass die DDR auf dem Weg war, sich in einen sozialistischen Staat neuer Art zu verwandeln. Zwischen Oktober 89 und Dezember 89 entwickelten sich dort demokratische Strukturen, wie es sie bisher nirgendwo auf der Welt gegeben hatte. Ich erwog, an der Ostberliner Hanns Eisler – Musikhochschule weiter zu studieren und hatte mich schon bei den entsprechenden Stellen erkundigt, ob und wie das laufen könnte. Ob ich in Ostberlin wohnen kann mit meinem Westberliner Pass, oder ob ich dafür DDR-Bürger werden müsste.

Als politischer Mensch war der 4. 11. 1989 der größte Tag meines Lebens. Das war ein Samstag, regnerisch, kalt, es herrschte eine wahnsinnige Erwartungshaltung. Ich stand da in einer riesigen Menschenmenge am Alexanderplatz. Keiner wusste, was passieren würde. Da hätten ja 100.000 Leute einfach zur Mauer laufen können, oder zum Staatsratsgebäude. Was hätte die Polizei dann gemacht? Jedem war klar, dass dieser Tag etwas Besonderes ist. Ich war an einem Ort mit vielen Gleichgesinnten, die einen anderen Staat wollten, der von der alten DDR genau so weit entfernt war wie von der alten BRD. Und die Möglichkeit schien zum Greifen nah, die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen.

 

Was verkörperte Technomusik für Dich in den Anfangsjahren 1989 bis 1992?

Die Musik verkörperte, dass alles ganz anders werden könnte. Das hat für mich hervorragend zusammengepasst. Die Produktionsmittel sind billig, für jeden erreichbar und auf dieser Basis war trotzdem eine große Bandbreite von individueller Kreativität möglich, die sich weniger in Konkurrenz denn als sich gegenseitig befruchtende Elemente einer Musikwelt verstand. Techno war unbedingt eine demokratische, freie Musik. Wir inspirierten uns gegenseitig, aber nichts klang gleich. Stil-Diktate kamen erst später, als das Mittelmäßige und Kalkulierte wieder zu regieren anfing.

Ich muss mit einem System, das mir nicht gefällt, nicht kooperieren. Ich kann mir einen Dissidenten-Kreis aufbauen.

Die frühe Technoszene hat sich so angefühlt. Natürlich spaßiger und ungefährlicher. Aber man konnte etwas finden, das autonom ist, noch nicht besetzt ist, noch nicht kontrolliert und kanalisiert ist. Auf ein gesellschaftliches Motto konnten sich alle, die mit dabei waren einigen:  Wir sind anders. Wir tun etwas, was der gesellschaftliche Mainstream nicht begreift. Es ging aber nie so weit, dass sich daraus eine explizit politische Komponente generierte. Auch für mich trat das Politische ab 1990 in den Hintergrund, denn dafür war einfach keine Zeit und Energie frei: die Musik begann, wie bei vielen anderen auch, in mir und aus mir heraus zu explodieren. Zudem hatte sich in meinen Augen die große politische Vision durch die Übernahme der DDR durch die selbstzufriedene, siegreiche BRD vollkommen erledigt. Das war eine bittere Enttäuschung. Umso mehr floss alle Energie nun in die Technowelt. Die wollte ich mir nicht nehmen lassen, in ihr wollte ich mit Haut und Haaren leben!

 

Dein Verhältnis zu Jonzon und Eure gemeinsamen Projekte?

Mit Jonzon war ich immer sehr gern zusammen. Wir hatten zwei Projekte. Vein Melter war ein Sehnsuchtsprojekt. Mit aller Hingabe so tun, als würden wir in Chicago leben und dort Musik machen. “Hypnotized” war das erste Vein Melter-Stück, das kam auf Planet Records raus. Bei Futurhythm haben wir dagegen versucht, uns ins Verhältnis zu Chicago-House zu setzen: „wir sind aus Berlin, der Chicago-Sound gefällt uns, aber wir entwickeln ihn in unsere eigene neue Richtung weiter.“ Wir waren andere musikalische Identitäten, wir klangen unterschiedlich, je nach Projekt.

Wir waren voll Ehrfurcht. DAF war natürlich eine wahnsinnig wichtige Gruppe, und als Gabi Delgado sagte, er möchte unsere Stücke gerne rausbringen, haben wir geschaut wie kleine Kinder. Die erste Futurhythm kam 1991 bei BMWW raus, Brutal Music World Wide. Der Hit auf der Platte war ein knochentrockenes Acid-Stück. Ein Beat und eine 303. Wir konnten es nicht fassen, als wir in den Groove-Jahrescharts 1991 mit „Injection“ auf Platz 7 notiert waren!

Wir waren von seinem Namen geblendet. Er sagte: „Ich find euch so gut, dass ich Euch nicht nur einen Plattenvertrag gebe, sondern sogar einen Verlagsvertrag.“ Damit waren natürlich alle Rechte  weg. Im Nachhinein unglaublich, wir waren ja erwachsene Männer, wo blieb unser Verstand! Andererseits: rechtliche Dinge waren uns weder wichtig, noch durchblickten wir sie. Auch auf diesem Feld ist Kunstmachen ein Lernprozeß.

 

 

Mark Reeder und MFS?

Was MfS vorher gemacht hat, war weniger spezifisch und musikalisch nicht gerade weltbewegend. Futurhythm war sozusagen ein „Stareinkauf“. Das war JL`s großes Ziel: Futurhythm von der „großen Firma“ BMWW loszueisen. Wir wollten eh weg, weil das mit den Abrechnungen nicht okay gelaufen war, aber es gab noch den Vertrag. Das hat Jürgen mit Gabi dann für uns geregelt.

Mark hatte eine Philosophie, wie diese Musik klingen soll. Er hat seine ganze Energie darauf verwendet, Musik zu entdecken und zu veröffentlichen.

Mark kam mit der Idee und fragte, ob uns das interessiert. Wir waren Feuer und Flamme. Da ging es schon um ein Statement, ein neues Soundideal, ein Stil-Manifest.

“Tranceformed from Beyond” war ein Mixalbum der neuen Art. Das hat kein DJ kompiliert und gemixt, sondern Mijk (van Dijk) und ich haben jedes Stück neu arrangiert und eingespielt, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verändert, und dann ineinanderkomponiert. Die meisten Stücke kamen aus dem Katalog von MfS, alle anderen, zum Beispiel Quazar, wurden von Mark Reeder lizenziert.

 

Über Jürgen Laarmann:

J.L hat eine richtige Trance-Kampagne ins Rollen gebracht. Er hat da als Spin Doctor gewirkt, eine Art Techno-Mehdorn, der ein „Unternehmen“ auf Vordermann bringen will.  Er ist mit großem Talent ausgestattet, hatte klasse Ideen und eine unbändige Energie, sie auch umzusetzen. Aus seinem Geltungsbedürfnis und seiner Geschäftstüchtigkeit heraus hat er irgendwann versucht, alles zu machen und alles zu kontrollieren – Low Spirit, MfS, Loveparade, Frontpage, Tresor. Jürgen war überall und scheute sich auch nie davor, „der Böse“ zu sein. Er kannte die Frankfurter Strukturen und wollte es denen zeigen.

Er hat alles in seiner Macht Stehende getan, dass wir mediale Aufmerksamkeit bekamen. Teil des MfS-Pakets war die Frontpage-Coverstory über mich. Eine tolle Plattform, von der aus ich das, was mir mit der “Trancefomed”-Compilation als musikalisches Manifest vorschwebte, dort in Worte fassen konnte. Auf Initiative JL`s trat ich auf der Mayday 1992 in Köln auf. Da waren Westbam und sein Bruder als Entscheider gerade im Urlaub, sonst wäre das ganz sicher nicht passiert!  Das war die erste Großveranstaltung, auf der ich spielte.

 

Konzert-Impressionen 1992:

März 1992 bin ich erstmals auf Club-Tour gegangen. Für die ersten Auftritte hatte ich so 400 Mark bekommen. Gar nicht schlecht für einen Studenten. In Berlin gab`s natürlich weniger Geld, vielleicht 200 Mark. Oder gar nichts, wenn es eine illegale Party war. Die Tour führte mich quer durch Deutschland. Nach Stuttgart ins OZ. Nach Hamburg ins Unit. Nach München ins Babalou. Unfassbare und unvergessliche Abende wie im Traum!  Auch das XS in Frankfurt gefiel mir sehr. Zum ersten Mal eine richtig gute Anlage und eine heiße, erotische Energie. Sven Väth etwa kam mit 30 Leuten im Schlepptau und begrüßte mich mit einer majestätischen Geste, Mark Spoon drückte mich an seine massive Brust. Dort war eine ganz andere Diskokultur und im Gegensatz zu den damals sehr anarchischen Strukturen in Berlin existierten hierarchisch klar aufgebaute Netzwerke und Geschäftskomplexe.

 

Im Oktober 92 spielte ich zum ersten Mal im Limelight in New York auf einer „Disco 2000“ Party. Genau wie Jeff Mills und Derrick May in Deutschland gefeiert wurden, wurden wir dort in den Himmel gehoben. Die Raveszene in New York war düsterer und zwei Stufen härter als in Berlin. Das ging in eine Koks-Heroin Richtung. Der Club war in einer ehemaligen Kirche, davor standen gefühlte 20.000 Leute mit buchdicken auf Clipboards befestigten Gästelisten. Drinnen waren alle supersuper auf Droge, grell geschminkte, androgyne Leute, viele Models. Das Szenario erinnerte mich an den Film „Liquid Sky“, den ich Mitte der 80er Jahre gesehen habe. Alles gruppierte sich um DJ Keoki und den Veranstalter Michael Alig herum.  Die technische Betreuung war frappierend unprofessionell. Denen waren eher die PR-technischen und optischen Superlative wichtig.

Im Limelight besuchte mich Moby und wir gingen am nächsten Abend zusammen essen. Ich lernte New York Stück für Stück kennen und lieben. Zwei Jahre später mietete ich im Brooklyner Park Slope eine Wohnung und verlegte meinen Lebensmittelpunkt nach NYC .

 

Dubmission war über Jahre Kid Paul und Paul van Dyk. Das war ein ganz eigener Sound. Sehr energetisch, sehr musikalisch, warme Wellen mit vielen lachenden Gesichtern. Aber nie seifig-animationsmäßig, wie ich das in Ibiza, manchmal in Frankfurt oder oft in England erlebt habe.

 

Über Visions of Shiva:

 Viele, sehr glaubwürdige Leute können ein Liedchen von ihren Erfahrungen mit PvD singen…Mein Kontakt zu ihm kam über Wolle XDP, auf einer „Brain Party“ 1991. Die Zusammenarbeit war ein klassischer Fall von “Lieber Cosmic, ich find deine Musik so großartig, ein Herzenswunsch wäre, einmal mitkommen zu dürfen und mal zuzuschauen, wie du das machst.” PvD kann dann, wenn er jemand unbedingt kennen lernen will, seine durchaus vorhandene sympathische Seite sehr wirkungsvoll ins effektive Licht stellen: er ist supernett und bescheiden und kombinierte das mit seinem hervorragenden musikalischen Talent. Zudem stand er zu dieser Zeit noch am Rand der Szene, was ich ungerecht fand. Ich brachte ihn mit zu MfS und er wurde neben (Kid)Paul und Jonzon zu meinem DJ-Favoriten.

 

Techno als Massenbewegung:

 Vergangenheit ist niemals ein feststehender, objektiver Sachverhalt. Er konstituiert sich immer aus dem Standpunkt der jetztzeitigen Gegenwart, ist also immer ein persönliches Reflexions-Konstrukt, eine persönliche Standortbestimmung. Vielleicht kamen ja nach der Wende so viele Leute, weil um sie herum alles im Wandel war. Techno war eine Hoffnung, eine Projektionsmaschine: es hatte unglaubliche Kraft, lud dazu ein, sich zu identifizieren mit einer Anders-Welt. Rauschhafte Identitätssuche und Identitätsfindung.

In dieser Zeit 1990 bis 1995 wurde die DDR entkernt, da hat die Treuhand das ehemalige Volkseigentum verbrannt und verscherbelt – also gab es die fantastischsten Orte für Partys und zum Wohnen. Es erodierte der westdeutsche Sozialstaat – gleichzeitig schaffte Techno Möglichkeiten mit seinen eigenen Fähigkeiten Geld zu verdienen, das Leben unabhängig in die eigenen Hände zu nehmen. Die gesellschaftliche Utopie des Sozialismus wurde von Oben verlacht und entsorgt. Es wurde dereguliert, privatisiert, kapitalisiert, umstrukturiert und entlassen. Eine radikale Umgestaltung der Welt im Sinne des Neoliberalismus setzte ein und die Resultate all dessen werden -bis heute- medial unisono als „notwendig“, „alternativlos“ und „unumkehrbar“ dargestellt. Man könnte aus der zeitlichen Distanz heraus durchaus zu dem Schluss kommen, dass wir mit Techno unsere eigenen Antworten darauf gegeben haben. Mit einem großartigen „Sound“ der anders klang als der des konformen Malen nach Zahlen.

Doch das Konforme sitzt anscheinend immer am längeren Hebel, war nachhaltiger, hatte die Kraft, sich letztendlich auch Techno einzuverleiben. Erst kamen die Trend-Agenturen, die sich  oft aus Techno-Leuten rekrutiert hatten, später wurde das ganze Schritt für Schritt in die Einheits-Unterhaltungsindustrie überführt. Wir waren so beschäftigt mit unserer kleinen-globalen eigenen Welt, dass uns das Große um uns herum und dessen Veränderung gar nichts anging. Oder wir wollten es gar nicht wirklich mitbekommen, um nicht zu früh aus dem großen Traum aufwachen zu müssen … Vielleicht war es aber auch gar nicht möglich das Große um uns herum im Auge zu behalten: denn damals glaubten wir alles zu haben, was wir wollen. Und hatten es auch!