Täglicher Weg

10:50, Atelier

Es ist ein dunkelgrauer Morgen, der nie richtig Tag werden wird. Schwere, kalte Regentropfen, über die ich mich beim Gehen freue, weil ich sie unter meiner Kapuze genießen kann und nicht erleiden muss. Ich habe eine Sequenz im Kopf, die ich gestern komponiert habe.

Auf dem Bahnsteig schaue ich den die S-Bahn-Tauben zu. Die meisten sitzen in Reih und Glied aufgereiht auf den Eisenstangen unter dem Dach. Zwei Männchen versuchen auf dem Bahnsteig vergeblich, zwei Weibchen zu imponieren. Eine Gruppe von Jugendlichen simuliert die Banalität der in den medialen Werbespots dargestellten Lebensfreude. Scripted-Reality-Reality: Sie werden ein Leben lang einfach nur kaufen, was man ihnen vorsetzt; soviel, wie sie können können. Nicht mehr, nicht weniger. Eine Frau mit sportlichen Beinen geht an mir vorüber und lenkt mich von der Artikulationskakophonie der jungen Mädchen und jungen Jungen ab.

Im Zug finde ich wie jeden Morgen einen meiner Lieblingssitzplätze im abgeteilten Bereich am Anfang bzw. Ende eines Wagens. Ich ziehe meinen Parka aus, setze meine Lesebrille auf und hole mein Buch hervor. Ich genieße das sofortige abtauchen in die Bücherwelt.

Am Bahnhof Westkreuz kommt mir der Gedanke, während der alltäglichen S-Bahnfahrt wieder einmal zum alltäglichen Leben um mich herum auftauchen zu müssen. Betäubt von der schlechten Luft höre ich Handygefiepse und sehe Ärmlichkeit. Ich schaue in leere, erschöpfte Gesichter, obwohl der Tag gerade erst anfangen hat.

Die Frage steigt in mir auf, warum ich HIER, in dieser Umgebung lebe. Ich verschwinde gedanklich in einem Wald, sehe mich ein Fenster öffnen mit Blick auf einen See. Warum bin ich nicht DORT?

Mir kommt der Gedanke, dass Menschen, die Kinder haben und/oder einen normalen Job, sich diese Art der Fragen nicht stellen brauchen.

Für einen Augenblick durchfährt mich die Angst, mit dem Gedanken zu sterben, den größten Teil meiner Lebenszeit in einer Umgebung verbracht zu haben, die ich nun wieder konkret vor mir habe: die müden Menschen, von denen einige jetzt in Jungfernheide aussteigend vollkommen achtlos an denen vorbeigehen, die vollkommen acht- und ausdruckslos in den für einen Moment fast leergeräumten Wagen einsteigen.

Dieser Kreislauf macht für mich keinen Sinn: jeder für sich vollkommen geschlossen und gleichzeitig Teil eines Massenblocks. Ein Block geht, der andere kommt, keine Berührungspunkte, keine sich treffenden Blicke. Die Menschen gehen aneinander vorbei. Sie haben sich sogar abgewöhnt, sich aneinander zu stören, um das Zuviel ihrer Art auf engstem Raum ertragen zu können. Auf dem Dorf oder beim Wandern begegnet man den Menschen anders. Warum bin ich HIER?

Sie tragen ärmliche Kleidung, die von ärmlichen Menschen unter ärmlichen Produktionsbedingungen in ärmlichen Gebieten unter dem erbärmlichen Diktat der Profitmaximierung produziert werden, an denen einige Konzerne und Anteilseigner reichlich verdienen und auf diese Art mit ihrer Macht das Schicksal der Ärmlichen bestimmen können. Aber ein Handy haben sie alle. Die meisten (je jünger desto selbstverständlicher) halten es permanent in ihren Händen. Wie ein Gebetbuch. Als stumme Selbstversicherung, dass sie wirklich auf der Welt und in der Welt sind und gebraucht werden. Die Regierung hat gestern den Armenbericht geschwärzt – wenn so etwas in totalitären Systemen vorkommen würde … am Fenster fliegen zwei Krähen vorbei; ich schicke ihnen einen Gruß.

Ich muss meinen Parka wieder anziehen. Dabei fallen zwei Eicheln und drei Kastanien aus den Seitentaschen und kullern auf den Boden. Der Mann rechts von mir am Gang gegenübersitzend macht mich darauf aufmerksam. Seine Aufmerksamkeit versöhnt mich mit den Gedanken von zuvor. Ich danke ihm dafür von ganzem Herzen und meine, was ich zu ihm sage: „Haben Sie einen schönen Tag!“.

Jetzt spuckt mich die S-Bahn als Teil der Masse aus und wird sofort wieder durch einen neuen Teil, der wie der alte aussieht, ausgetauscht. Ich zähle, dass vom Ausstieg aus dem Zug bis zu den Bahnhofstreppen einundvierzig Menschen an mir vorbeigehen.  Ich freue mich auf meinen Flügel.