„Techno“, Philipp Anz und Patrick Walder, Verlag Ricco Bilger, Zürich 1995

„Techno“, Philipp Anz und Patrick Walder, Verlag Ricco Bilger, Zürich 1995

«Ich bin ein Meertyp», sagte Cosmic Baby einmal. Am
Wasser kann man sich demnach am besten mit ihm unterhalten.
Zürich kann sich leider noch immer kein Meer leisten, verfügt
dafür über einen prachtvollen See, der das Leben um einiges
lebenswerter macht. Cosmic Baby gefiel er jedenfalls. Zwar
springen keine Delphine am Horizont, statt dessen schnattern
betulich die Enten. Cosmic Baby entspricht mit seinem leicht zer-
knautschten Outfit dem Prototyp «Künstler»: zwar ein wenig
weltfremd, aber auf den ersten Blick sympathisch. Die Frauen
lieben ihn, und die Männer schaffen es trotzdem nicht, ihn zu has-
sen. Cosmic Baby ist ein intelligenter Gesprächspartner, er ist
erfolgreich und populär. Und wenn das Leben wirklich ein langer,
ruhiger Fluss wäre, dann wäre diese Geschichte schon hier zu
Ende. Doch Wasser ist ein unberechenbares Element, das ruhig
und besinnlich, aber auch reissend und zerstörerisch sein kann.
Wie das Leben.
Mit drei Jahren entdeckt der 1966 geborene Cosmic Baby
das Klavier. Mit sieben wird er ans Nürnberger Konservatorium
geholt, mit elf absolviert er sein erstes Solokonzert. Die Karriere
als klassischer Konzertpianist scheint programmiert, würde nicht
die elektronische Musik sein musikalisches Weltbild erschüttern.
Cosmic Teen entdeckt Kraftwerk, Tangerine Dream und vor
allem «Planet Rock» und damit seine Liebe zur Rhythmus-
maschine – weil diese «Geschichten erzählen kann und dazu keine
Stimmen oder Instrumente braucht». Cosmic wünscht sich einen
Synthesizer zu Weihnachten und bekommt ihn auch.
«Ich wollte nie ein Instrumentalist werden, sondern immer
von dem erzählen, was ich erlebe. Eigentlich war ich schon immer
ein authentischer Soundtrack-Schreiber. Ich wollte nichts Funk-
tionales machen, sondern in meiner Art und Weise der Welt
zurückgeben, was diese mir gibt.»

Der zweite Einschnitt erfolgt im Herbst 1988. Cosmic, der
inzwischen in Berlin Komposition und Tontechnik studiert, erlebt
seine erste Acid-House-Party. Ein entscheidender Moment, der
ihm Kraft und Energie gibt, denn er merkt wie so viele: Da haben
noch andere dieselben Ideen und Vorlieben, ich bin nicht alleine.
Cosmic Baby beginnt Hörspiele für den WDR zu vertonen. Hier
kann er machen, was er will. Später, als Techno in die dunklen
Ritzen der Keller und Hallen zu sickern beginnt, kommt auch
seine Karriere als Live-Act in Fluss.
«1990 gab es schon wenige Live-Acts, die aber mehr die
Funktion von Pausenfüllern hatten. Die Leute sind dann jeweils
auf die Toilette gegangen und haben sich gefreut, wenn endlich
der Dj zurückkam. Es sollte ja eigentlich nie dazu kommen, dass
da etwas anderes geschieht als Auflegen. Natürlich stand auch
eine gewisse Arroganz der Djs dahinter, die schon da gemerkt
haben, dass sie die neuen grossen Stars sein werden. Als ich das
erste Mal live gespielt habe, waren die ersten zehn Minuten äus-
serst seltsam. Die Leute haben gekuckt: erstens, da steht jetzt
einer, zweitens, was wird er machen, drittens, wie wird er’s
machen, und viertens, oh, das ist ja ganz andere Musik. Aber dann
sind sie richtig ausgerastet – und ich auch. Von da an wusste ich,
dass live zu spielen sehr toll ist.»
Trance («das Yin von Techno», ©osmic) beginnt 1992
dem dominierenden Hardcore den Rang abzulaufen. Zu dieser
Zeit mag Trance ein vertretbarer Ansatz gewesen sein, mit ruhi-
gen Elementen und repetitiven Strukturen eine neue Richtung
einzuschlagen. Und auch heute noch kann eine Fläche, wenn sie
richtig eingesetzt wird und nicht bloss zum Auf- und Abbau vo
Spannungen missbraucht wird, durchaus etwas Schönes sei
Doch im Zuge der allgemeinen Trancifizierung wurden die Ohre
mit so viel Kitsch, süssen Harmonien und ewiggleichen Schw
beklängen zugekleistert, dass heute ob der schlechten Kopie
oft selbst den guten Originalen der Eintritt zum Gehörgal
verweigert wird.

Everybody`s Baby

Doch 1992 ist die Welt als Wille und Trance noch unvorstellba
und Cosmic Baby wird zum König des neuen Stils erkoren. Nac
dem seine erste Maxi auf Low Spirit erschienen ist, wechselt
zum Berliner Label MFS, wo im September 1992 das erste Albu
«Stellar Supreme» erscheint. Der Durchbruch erfolgt raser
schnell. Cosmic spielt am Mayday und ist ständig auf Achse: «lt
war total begeistert und überwältigt, dass so viele Leute mein
Musik zuhören und sie auch noch gut finden. Das Interesse d
Medien wurde immer grösser. Ich habe gemerkt, dass die sir
sehr gerne mit mir unterhalten, und habe das – naiv, wie ich war
darauf zurückgeführt, dass sie mich mögen, weil ich interessan
Sachen zu erzählen habe. In der Zeit habe ich sehr viel gemach
habe mich in alles reingestürzt und war nicht besonders selekti
Ich habe fast wie ein DJ jedes Wochenende zweimal in zwei ve
schiedenen Städten gespielt.» Viele in seinem Umfeld warnen ih
er solle das grosse Interesse nicht als Ausdruck der Zuneigur
verstehen. Doch er kümmert sich wenig darum. In dieser Zeit i
Cosmic everybody’s Baby. Anfang 1993 steht er an der Spitze
sämtlicher Jahrespolls. «Heaven’s Tears» wird ebenso zum Hit
wie seine Produktionen mit Kid Paul (Energy 52), Paul van Dyk
(Visions Of Shiva) und Jonzon (Futurhythm/Vein Melter). Er ist auf
dem Weg, der erste wirklich grosse Star des Techno zu werden.
Aber eben, das Leben ist kein . . .
«Am Anfang hatte ich immer das Gefühl, ich werde bei
jedem Auftritt noch erfüllter von Energien und Einflüssen. Doch
irgendwann fühlte ich mich nur noch ausgezehrt. Ich kam nach
Hause und war absolut leer statt relaxed und begeistert. Am
Schluss stand ich vor der Wahl: Entweder wird alles zur routi-
nierten Show, wo du dich am Schluss am Keyboard festhältst und
nur daran denkst, wann du ins Bett kommst und wann dein Flie-
ger zur nächsten Stadt geht. Oder du bleibst dir weiterhin treu in
der Vorstellung, dass das, was du am liebsten machst, nämlich
Musik, etwas extrem Schönes ist und deshalb jeder Abend und
jedes Stück etwas Besonderes sein soll.»
Wer Cosmic Baby einmal live gesehen hat, weiss, was ihm
ein Auftritt bedeutet. Er schwitzt und schreit, ist ständig im Kon-
takt mit dem Publikum und steigt auch mal aufs Keyboard. Er
passt sein Programm der jeweiligen Stimmung an, wobei ihm
natürlich seine klassische Ausbildung zugute kommt. Eine totale
Show, die eben keine ist, weil er völlig in der Musik und in der
Party aufgeht. Cosmic realisiert, dass er das nicht durchziehen
kann. Er, der Sensible, der eigentlich auf jeden Menschen offen
zugehen möchte, merkt, dass er nicht jedem, der ihn anlacht,
blindlings vertrauen kann. Er bemüht sich, einen Blick hinter die
Fassade des Business zu werfen. Was er sieht, macht ihm angst,
er könnte jede Lust und jeden Spirit verlieren. Cosmic durchlebt
eine depressive Phase und wird immer öfter krank. Mitte 1993
zieht er die Notbremse: «Ich hatte den Mut, mit mir und dem,
was um mich herum passiert, abzurechnen.» Er reduziert die
Live-Auftritte auf einen pro Monat und besorgt sich einen Mana-
ger, der sich um die Verträge und Kontakte kümmert.
In dieser Phase erfolgt auch der Wechsel von MFS zu Logic
Records, dem Sublabel eines Majors. MFS steht dannzumal vor
einer ungewissen Zukunft. Cosmic Baby zieht die Konsequenzen
daraus und handelt sich bei Logic nach eigenen Angaben einen
Vertrag aus, der ihm alle künstlerischen Freiheiten lässt – «da
kriegt jeder A&R oder Manager einen Herzinfarkt». Die erste
Veröffentlichung auf Logic ist «Loops Of Infinity», ein Hardtran-
cer, der seicht und infinit dahinplätschert, aber wohl genau
deshalb die deutschen Charts entert – und von «Spex» nicht
zu Unrecht als «arschkommerzielle Eurobumsnummer» abge-
kanzelt wird.

Die Zeit vergessen

Die Kritik bricht nun wie eine Flutwelle über Cosmic Baby herein.
Er bekräftigt zwar stets, «Loops Of Infinity» noch vor dem Label-
Wechsel und ohne Blick auf die Charts geschrieben zu haben,
doch der Track macht ihn zum Sinnbild des Ausverkaufs. Obwohl
eigentlich andere Berliner Djs und Acts Techno zu ungeahnten
und von vielen ungewollten kommerziellen Höhenflügen verhel-
fen – und obwohl er «Bravo» keine Exklusiv-Interviews gibt, nicht
täglich auf MTV zu sehen ist und sich Riesen-Raves konstant ver-
weigert. Aber er hat eben kein Imperium im Rücken.
«Spätestens nach ‹Loops Of Infinity› konnte jeder unge-
straft drauflosprügeln. Man hat es keinem in der Szene so übelge-
nommen wie mir, bei einer grossen Plattenfirma zu veröffent-
lichen. Ich will einen anderen Weg gehen als all die Major-Artists
wie Sven Väth oder andere. Aber ich habe den ganzen Mist abbe-
kommen. Doch damit habe ich kein Problem, weil ich es eher als
Kompliment auffasse, dass die Leute auf mich in jeder Beziehung
emotional reagieren, sowohl positiv als auch negativ. Es ist mir lie-

r, umstritten zu sein, als eine Lichtgestalt, die unreflektiert
leibt. Ich freue mich, wenn ich viel verkaufe, aber ich lege es
licht darauf an, indem ich schon vorher die Musik danach plane.
Der Vorteil, den ich habe, ist, dass ich sicher in dreissig Jahren
uch noch Musik machen werde. Ich habe viel Zeit, mich weiter-
entwickeln und immer neu dazuzulernen.»
Diese schwierige Phase schlägt sich im Album «Thinking
About Myself» nieder, das im Frühjahr 1994 erscheint und im
Gegensatz zu «Stellar Supreme» von Melancholie geprägt ist. Das
ehr persönliche Album folgt treu dem Grundsatz: «Wenn ich ein
Album mache, dann versuche ich den Zustand, in dem ich mich
refinde, möglichst komplex darzustellen.» Cosmic wendet sich
vieder vermehrt dem Piano zu, seiner alten Liebe, die sehr tief
eht. Als er sich den Film «The Piano» von Jane Campion ansieht,
nuss er die ganze Vorstellung durch heulen und bringt nachher
ür Stunden kein Wort hervor. So dienen Instrument und Musik
uf «Thinking About Myself» der Selbstreinigung: «Im Studio
eschwor ich das Bild des ‹ganz jungen Cosmic): Klavierspielen,
las Erlebte reflektieren und transferieren, die Zeit vergessen, sich
les von der Seele spielen. Ich vergass ganz bewusst das Músik-
nachen, das mittlerweile auch heisst: Promotion, Verträge, Reak-
ion des Publikums, Verkaufszahlen .», erklärte Cosmic Baby im
Magazin «Groove». Und in den Linernotes des Albums schreibt
ir: «Musik ist ein in Klängen materialisierter Traumzustand, und
›ft wache ich tage- und nächtelang nicht auf.»

Kunst am Bau


Cosmic geht es um Emotionen. Er spricht von sich nie als Act
›der Produzent, sondern als Techno-Künstler und als solcher
on Bedürfnis, Berufung und Visionen. Fasziniert hat ihn vor allem
fie Bauhaus-Bewegung, als Leute aus aller Welt und aus allen
Kunstsparten zusammen geforscht haben. Cosmic Baby hat sichsein eigenes kleines Bauhaus, einen Kreis von kreativen Leuten
aufgebaut. Doch seine Vision geht weiter: «Das Bauhaus-Konzept
leuchtet mir immer noch so ein, dass ich mir wünsche, dass wir
so etwas in neuer Form zustande bringen. Techno wird auf der
ganzen Welt gemacht, und alle können sich beteiligen und ihre
Form definieren. Die Kommunikation unter den Künstlern funk-
tioniert immer noch ziemlich reibungslos. Nicht über Manager
oder Plattenfirmen, jeder kann jeden anrufen, oder man trifft sich
mal auf einem Rave. Die global vernetzte Kultur ist also schon mal
da. Was eben nicht vorhanden ist, ist eine stärkere Auseinander-
setzung, Kommunikation, eine Vernetzung mit Bereichen, die erst
mal nichts mit einer Bassdrum zu tun haben. Techno sollte als
Kultur und nicht als reine Abtanzveranstaltung aufgefasst werden.
Natürlich gibt es wie in jeder anderen Bewegung so viel Unter-
schiedliches, und meistens gelangt der arithmetische Mittelwert,
das Langweilige so weit nach oben, dass das Mittelmass dann mit
dem Ganzen gleichgesetzt wird. Ich frage mich, wie man es schaf-
fen könnte, ein komplizierteres Spektrum nach aussen zu vertre-
ten.» Im Sinne dieser Vision kann seine Zusammenarbeit mit dem
Pyro Space Ballet und das Resultat «Futura» gesehen werden.
Doch irgendwie will daraus einfach keine neue, revolutionäre
Form entstehen. Cosmic Babys Musik setzt auf Wohlklänge, ver-
mittelt Glück und Traurigkeit, beides schöne, ästhetische Gefühle,
aber nie Wut, deren rohe Kraft Musik zwar zerstören, aber auch
in unerschlossene Gebiete führen kann. Dafür ist Cosmic Baby
viel zu freundlich und zu sehr mit der Welt im Einklang. So darf er
auch als Techno-Vertreter im Kulturweltspiegel der ARD seine
Vision verbreiten. Vielleicht gelingt es Cosmic Baby ja eines
Tages, Leben und Ästhetik in harmonische Schwingungen zu brin-
gen, die, wie am Schluss von «Futura», in der Schöpfung einer
schönen, neuen Welt gipfeln. Und vielleicht erblickt er dann im
Spiegel einen glitzernden, ruhig dahingleitenden Fluss.

von Philipp Anz

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