25 Jahre „Thinking About Myself“– Mein gelbes Notizbuch #19

Ich sitze im Garten. Die Sonne scheint. Ein frischer Wind um mich herum. Es rauscht vom Wald her. Die Vögel konzertieren. Die Käfer krabbeln. Die Ameisen arbeiten. Die Hummeln brummen. Die Hunde dösen. Die Knospen der Pflanzen springen auf. Es wird erst grün und dann bunt. Ich sitze im Garten.

Vor genau 25 Jahren verbrachte ich sechs traumhafte Wochen in Australien. „Thinking about myself“ wurde dort, in Europa, in England gleichzeitig und in den USA im Juli veröffentlicht.

Ich versuche mir vorzustellen, wie ich mir vor 25 Jahren mein Leben in 25 Jahren vorstellte…nach längerem Erinnern komme ich zu dem Schluss, dass ich in dieser Zeit wahrscheinlich keinen Gedanken daran verschwendet habe. Die Zukunft reichte vielleicht zu den schon gebuchten Reisen und Konzerten ins nächste Jahr hinein, zu neuen musikalischen Ideen, die ich alsbald im Studio angehen wollte und einigen wichtigen Dingen im privaten bzw. familiären Bereich – aber darüber hinaus?

1994 war ein unglaublich dichtes, intensives Jahr. Auf der Thermik der euphorischen Techno-Anfangsjahre und im Cockpit des Ultralight „Stellar Supreme“ segelte ich immer höher am Himmel einer Zeit, die mir wie eine gestaltbare Utopie vorkam. Das strahlende „Kind“ entwickelte sich zu einem heranreifenden „Jungen“.

Das Reisen in alle erdenklichen Länder, die Zeit, die ich mir nahm, die neuen Eindrücke intensiv ein- und auszuatmen, die Begegnungen, die entstehenden Freundschaften überall auf der Welt ermöglicht durch die Konzerte, die unter teilweise unfassbarer Begeisterung stattfanden, ermöglichten mir eine Ausweitung meines Erfahrungshorizonts.

Living in New York, Aug 94

 

1994 sehe ich auch als das Jahr, in dem Idealismus, Begeisterung und Kreativität einerseits mit Identitätsbestimmung, Professionalisierung und medialer Ausstrahlung andererseits ein ideales Synthese-Peak erreichten: „Techno worldwide“ war groß genug geworden, um intellektuell ernst genommen zu werden und im Stande war, ein „Bekenntnis“ zu definieren, war aber noch weit davon entfernt, in ein heterogen-beliebiges Massenphänomen zu mutieren.

1994 war ich überzeugt: Et hoc erit nobis signum vincere.

 

Dank meines Wechsels zu Logic Records in Personae Matthias Martinsohn, Konrad von Löhneysen und Wendy K. wurde New York neben Berlin zu meinem zweiten Lebensmittelpunkt. In den nächsten Jahren war Airport JFK so etwas ähnlich Gewohntes für mich wie der S-Bahnhof Friedrichstrasse oder die U-Bahn Station Görlitzer Park: die Lufthansa-Flugbegleiterinnen und ich koordinierten unsere gemeinsamen Flug- bzw. Dienstpläne – aus heutiger Sicht betrachtet überzog ich in den Jahren 1992 bis 1999 mein persönliches CO2-Konto um den Faktor 10000 – auf zehnmalige Lebenszeit.

 

Das war ein Rausch. Ein Rausch, der immer unerhörtere Formen annahm, deren Licht- und aber auch Schattenseiten durchaus musikalisch verarbeitet werden mussten.

„Thinking About Myself“ übernahm diese Aufgabe. Die Tatsache, dass es nach den Verhandlungen mit den Major-Plattenfirmen auch um deren große Erwartungen hinsichtlich kommerzieller Erfolge ging, spielte in meinem Kopf weiterhin eine überraschend untergeordnete Rolle: Ich wusste, was ich wollte und war mit dem absolut selbstverständlich-entwaffnenden Selbst-Bewusstsein ausgestattet, dass es so und nicht anders richtig ist.

Ich erinnere mich: als „Technoheld“ mit dem möglichen Potential zum internationalen (Techno-)Pop-Star, waren alle Plattenfirmen daran interessiert, mich verpflichten zu können. Meine Bedingungen, die – wenn auch zähneknischend – erfüllt wurden, waren:

  1. Das fertige Masterband bekommt die betreffende Plattenfirma erst nach Vertragsunterzeichnung vorgelegt und wird dann so und nicht anders veröffentlicht.
  2. Um volle künstlerische Freiheit sicherzustellen, hat die Plattenfirma keine längerfristige Optionen auf spätere Alben. Nach „Thinking“ wird neu verhandelt. („One Off Deal“).
  3. Einen Vorschuss wollte ich nicht haben, dafür komplettes Mitsprache- bzw. Vetorecht bei allen die Vermarktung betreffenden Punkten.

 

März 1994 by Kramer & Giogoli

 

Schon im Frühling 1993 begann ich mit den ersten Ideen, von denen sich einige davon bald zu kohärenten Kompositionen entwickelten („Treptow“, „Loops of Infinity“, „Tao 2000“, „Au dessous des Nuages“). Viele Elemente des Albums entstanden auf den Konzertreisen vor Ort („Brooklyn“, „Cosmic greets Florida“, „Another Day in another City“). Im September 1993 waren die Arbeiten dann nach einem einmonatigen Studioaufenthalt bei Jens Woynar abgeschlossen, wo beispielsweise „Fantasia“ (nach vielen Vorversuchsreihen in den Monaten zuvor) in einer magischen Nacht im Studio entstand. Die Veredlung zu dem, was es ist, geschah wieder durch den begnadeten Tonmeister und Freund Wolfgang Ragwitz beim Mastering.

 

Von Anfang an war klar, dass eine einigermaßen hinreichende Annäherung an das gesetzte Thema eine Ausdehnung der Grenzen, in denen sich die Technomusik (in all ihren Spielarten) auf befreiende, revolutionäre, verspielte bisweilen aber auch recht selbstreferenzielle Weise generierte, vorgenommen werden musste.

Das mag ich so an „Thinking about myself“: dass ich meinen Weg weitergehen wollte und ging: Die Grenzen weiter ausloten, die Horizonte verschieben, den großen musikalisch-historischen Fundus weiter mit dem eigenen Kosmos spielen zu lassen.

Dass ich weiterentwickeln und erzählen wollte mit Begeisterung und Neugier am (offenen) Experiment.

Dass ich mich unbändig darauf freute, dies alles mit den Menschen zu teilen, ohne Angst, ohne Berechnung.

Mich über das zu freuen, was an allen Ecken der Welt an fantastischer Musik in der Gegenwart und im Sinne des Techno geschaffen wurde, ohne mich davon in meinen eigenen Klangvorstellungen (im Sinne von „Erwartungen bedienen“) beeinflussen zu lassen.

„Thinking about Myself“-Record Release Party @ „The Bank“ (Former Studio of Jasper Johns)

 

In den Liner-Notes steht unter anderem: „Beim Hören wirst Du sehr schnell feststellen, dass das Klavier dabei eine Hauptrolle in den neuen Kompositionen gespielt hat. Warum? Ich glaube, es ist die intuitive Sehnsucht danach, meine Kindheit und meine damit verbundenen Entdeckung der klassischen Musik mit meiner Gegenwart als elektronischer Musiker zu verbinden“.

Damals hatte ich keine Ahnung davon, wohin sich mein Lebensweg zusammen mit meinem musikalischen Weg entwickeln würde.

Das Leben ist ein großes Wunder.

Es ist nicht auszudenken, welche verschiedene Richtungen es hätte nehmen können und WER ich dann geworden wäre…

Der Lauf der Dinge hängt von unendlich vielen – nicht vorhersehbaren – Dingen ab:  immer im sich gegenseitig rückkoppelnden Spannungsfeld zwischen eigenen Entscheidungen und den nicht persönlich beeinflussbaren Dynamiken der Außenwelt.

„Herbst in Berlin“ ist vielleicht das eindrücklichste Beispiel dafür, was ich meine: es erzählt davon, wer ich damals war und es erzählt davon, wer ich heute bin.

Es ist zeitlos und erzählt gerade deswegen von den Zeiten.

„Herbst in Berlin“ kommt mir heute vor wie eine Brücke, eine Vorahnung, ein intuitiver innerer Kompass, ein kleiner Stern am Nachthimmel.

 

In meiner Küche hängt ein Zettel auf dem steht:

„DEIN DA-SEINS-ZWECK IST DER, DEN DU DIR GIBST.

DEIN LEBEN IST ALSO SO, WIE DU ES GESTALTEST UND NIEMAND WIRD DARÜBER RICHTEN KÖNNEN.“

„Herbst in Berlin“, Score for Solo-Piano (edited by Marco Maria)