Der Titeltrack ist musikalisch und textlich (…) vielleicht der beste Kraftwerksong aller Zeiten, der nicht von Kraftwerk stammt.
Hauke Schlichting, Raveline 2/07
15,00 €
zzgl. Versandkosten
Produktionszeitraum: November 1997 bis Januar 1999
Veröffentlicht im Dezember 2006 auf time out of mind-records -records
Format: CD
Downloadveröffentlichung: Juni 2007 / time out of mind-records Special Vinyl – Edition
Veröffentlicht im Oktober 2024 auf MINIMALKOMBINAT
Remastered by Peter Loidl
composed & produced by cosmic baby, 1998 -1999.
mastered by wolfgang ragwitz.
published by cosmic enterprises music & publishing gmbh.
graphics: rainer scheßelmann
I
ROTES QUADRAT AUF SCHWARZEM GRUND, geschrieben 1998:
Ich sass in meinem Studio und hatte eine Idee: Musik machen, die ich Ende der 70er / Anfang der 80er gerne hätte machen wollen, aber nicht machen konnte, da die dafür benötigten Produktionsmittel für mich zur damaligen Zeit unerreichbar waren und nur in meinen Träumen existierten.
Es sollte Rückbesinnung, Neuverarbeitung und Hommage an das kulturelle Erbe vornehmlich in Deutschland entstandener elektronischer Musik der 70er Jahre werden. Ich richtete mir einen speziellen Arbeitsplatz ein, der nur mit diesen wundervollen Instrumenten dieser Epoche bestückt war und legte los…
Ich nannte das Projekt in Anlehnung an den russischen Suprematismus und Konstruktivismus „Rotes Quadrat auf Schwarzem Grund“. Es entstanden eine ganze Menge in sich abgeschlossene, elektronische Kurzgeschichten in Krautrocksprache:
Sie handeln etwa von einer abenteuerlichen „Reise durch den Süden“, dessen „Sonnenschein“ einen Mitteleuropäer durchaus zu einer verschrobenen Elegie hinreißen lassen kann oder von dem Atomphysiker Wolfgang Pauli, dessen Schicksal es zu sein schien, daß seine Versuchsreihen immer dann schief gingen, wenn er das Experimentallabor betreten wollte. Da gibt es sprechende Computer, die sich über den zeitgeistigen Lebensstil ihrer menschlichen Erfinder und Benutzer mokieren, Roboter, die in Maschinensprache singen oder in ihrer nicht-rostenden Körperlichkeit zeitübergreifend Elektro-Boogie tanzen. Die Geschichten erzählen von kindlichen Ausflügen per Eisenbahn ins „Wunderland“ oder pathetischen in die „Sowjetunion“… Sie entwerfen eine neue Tanzsuite für das „Triadische Ballet“ des Dessauer Bauhauses oder beschreiben die spukhafte Atmosphäre des Berliner S-Bahnknotenpunktes „Ostkreuz“ in einer düsteren Novembernacht … durchzogen von Episoden des alltäglichen Lebens wie „Erlebten Zufällen der Gleichzeitigkeit“, dem Aufstehen nach „Schlechtem Schlaf“, dem besseren Fernsehprogramm beim Blick ins „Aquarium“, bis hin zur „kleinen feinen Traumschleife“ als Möglichkeit der Auszeit irgendwo und überall …
II
I certainly have experienced coincidences of a synchronistic nature
Die zwischen November 1997 und Januar 1999 entstandenen Stücke des „Roten Quadrats“ höre ich heute als Fortsetzung und (Weiter-) Entwicklung von „14 Pieces – selected Works“, denn sie entstanden in einer ebenso spielerischen Atmosphäre der inspirierten Leichtigkeit. Spannte ich bei „14 Pieces“ einen sehr offenen stilistischen Bogen, so lag der Reiz beim „Quadrat“ in der Konzentration auf eine einzige Klangvorstellung. Die Stücke kommen nun als „industrie & melodie“ mit einer – vernachlässigbaren – Verzögerung von sieben Jahren im Dezember 2006 heraus. Genau so, wie sie damals final abgemischt worden waren.
i certainly have experienced coincidences of a synchronistic nature
neunzehnhundertachtundsechzig neunzehnhundertundelf neunzehnhundertfünfzig zweitausendzehn
zeitroboter
gestern – heute – morgen zeitroboter
zukunft zukunft zukunft
die reise durch den süden
die reise durch den sonnenschein
ein luxusgut für jedermann. ein auto und
tv – programm.
pauschalurlaub,
III
Texte
erlebnisraum.
per joystick in den cyber-traum.
ein film beschreibt die wirklichkeit
in digitaler natürlichkeit.
vollkommen ist die illusion, durch marketing in perfektion.
unsichtbare energien, austauschbare strategien.
schönheit, lust: berechenbar. alle träume werden wahr.
er war ein extremer theoretiker, der von experimenten
wenig ahnung hatte.
aber den merkwürdigen effekt, immer, wenn er in ein experimentallabor reinkam, dann schienen die versuche fehl zu gehen…
…
…
…
schönheit, lust: berechenbar. alle träume werden wahr.
IV
„Familienaufstellung“ – elektronische Musik
An vielen Stellen habe ich mich immer wieder auf das Protagonisten-Viereck bezogen, das mich in der Hauptsache dazu gebracht hat, selbst elektronische Musik machen zu wollen. Hier eine etwas aus-führlichere „Familienaufstellung“. Gerade aus dem Hintergrund von „industrie & melodie“ wird nachvollziehbar, wie stark mich die Generationen 1 und 2 beeinflußt haben .
Generation 1 ( zu Unrecht im Schatten des Vierecks Kraftwerk- TD – Sakamoto – Vangelis) :
Can, Moebius, Roedelius, Cluster, Eno, Harmonia/Michael Rother, Neu/La Düsseldorf, The Residents, Yello, David Sylvian, Pinguin Cafe Orchestra, Pink Floyd
Generation 2 (leider war ich noch zu klein, um damals schon mitspielen zu können…):
Laurie Anderson, Goebbels-Harth, Der Plan/Pyrolator, FSK, Heaven 17, DAF, Malaria, Die Tödliche Doris, Tom Dokupil/Siluetes 61, Holger Hiller, Reifenstahl, FM Einheit/Neubauten, Tuxedo Moon, Material/Bill Laswell, Talking Heads, Afrika Bambataa, Richard Kirk, A certain Ratio, The Human League, Art of Noise/Trevor Horn, Joy Division/New Order, Palais Schaumburg
Back 2 basics, one might think, was the motto here. Both the tempo and the sound of the 90s are almost completely faded out here. In terms of musical aesthetics, almost all the tracks hark back to the early days of electronic dance music. If I didn’t know any better, I would assign some tracks to Kraftwerk’s predecessors just by listening to them. Sometimes you think you’re in a gloomy EBM club full of sweaty guys and sometimes you’re racing through the virtual world as a Tron member, just as you would have imagined it in the 80s. From time to time, Torsten Fenslau a la Force Legato lashes out of the speakers. Cool sounds of abstract rhythms meet warm surfaces. Delicate figurations dance light-footedly over coarse motorized beats. If future, then like this!
So what, a new album from Cosmic Baby, the man who shaped trance like no other in the techno era and who hasn’t released anything under this name since the late nineties? Yes and no. Yes, because it is a complete album with exclusively unreleased studio tracks. No, because all the tracks were written between November 1997 and January 1999 and even the final mix was left as it was. At the time, the album was created as a relaxation in parallel to the ambitious and completely failed concept album “Heaven”, but musically it has hardly anything in common with it. On the contrary, for “Industrie und Melodie” Cosmic set up his own workplace with keyboards from the seventies to pay homage to the musical heroes of his youth, above all Kraftwerk. And he has succeeded, you can almost hear the almost childlike joy of playing combined with great respect. There are subtle flashes of Cosmic Baby’s signature in the refreshingly timeless (if you don’t know it, you won’t hear that the album is already seven years old) electropop, the homage to Kraftwerk extends to the liner notes and the title track is perhaps the best Kraftwerk song of all time musically and lyrically (“vollkommen ist die illusion, durch marketing in perfektion.”) that wasn’t written by Kraftwerk. There’s no question that Cosmic Baby doesn’t need to be a simple epigone, and what’s wrong with a well-produced, respectful Kraftwerk tribute album full of little hits and versatile ideas? Nothing, so maximum points.