Künstlergespräche

 Typus X, Typus Y: zwei konträre Auffassungen zum Thema „kreatives Schaffen im Heute“– Bad Saarow

X und Y würden wohl übereinstimmend übereinander sagen:
ein sehr sympathischer Mensch: offen, vielseitig interessiert, klug.

Jemand, mit dem man kurzweilig über viele Dinge auf hohem Niveau diskutieren, sich austauschen, einen entspannten, passionierten rhetorischen Wettstreit führen kann. Jemand, der auch zuhören kann, dem es ebenfalls Spaß macht, den Gedanken des anderen- obwohl er selbst viel zu sagen hat, aus einem großen Erfahrungshorizont schöpfen kann- aufzunehmen, ihn zu hinterfragen. Jemand der viel erlebt hat, gleichaltrig ist, aus der gleichen Sozialisation kommt, sich auf –mehr oder weniger auf dem gleichen Spielfeld bewegt. Spannend, die Interpretation der Welt und der Dinge des Anderen zu erfahren, sich mit seinen Folgerungen und Entscheidungen zu befassen.

Wie vor gut 15 Jahren, als sie sich kennenlernten, bestehen grundsätzlich verschiedene Grundpositionen, die sich an dem Begriffspaar „Funktion“ – „Kunst/Künstler“ und der Definition von „Offenheit“ klarmachen lassen.

Typus X sieht es als wichtigstes Kriterium an, sich immer neu und unvoreingenommen offen mit dem Zeitgeist zu beschäftigen, neue Tendenzen in die eigene Persönlichkeit aufzunehmen, sich davon kreativ inspirieren zu lassen, und dies in das eigene Werk einfließen zu lassen, auf dem „Stand der Zeit“ zu sein. Er hinterfragt kritisch den Begriff „Künstler“, hält ihn in der heutigen Zeit für problematisch, vermutet dahinter eine Arroganz, ein selbstgefälliges, sich „über-die-Dinge und Andere-Stellen-Wollen“, erkennt auch eine kaschierte Feigheit und elitäre Starrheit bei sogenannten „Kulturschaffenden“. Er sieht „Kunst“ als überkommenden, längst demaskierten Mythos, sieht rationaler die möglichst gut zu schaffende „Funktion“ einer kreativen Arbeit als Plattform. Für ihn zählt mehr das „Angebot“, der Beitrag zum lebendigen Wirklichkeitsprozess. Die „Forderung“, den „Ernst“, „die Authentizität“ eines „Künstlers“ beäugt er kritisch:  hinter dem „sich als Künstler Fühlen“ verbürge sich oft eine Aufgeblasenheit, ein selbstgefälliges Statusdenken.

Y hingegen, unterstellt dem Funktionsbegriff das Ziel, „zu funktionieren“. Hinter „Funktionieren“ und „offen sein für aktuelle Tendenzen“ sieht er –klug und politisch korrekt verpackt- die Akzeptanz der Marktgesetze, die freiwillige Aufgabe der „künstlerischen Subjektivität“ hin zu einer Funktion als Bereitsteller kreativer Waren für den Unterhaltungsmarkt.

Die „Offenheit für Aktuelles“ sei daher weniger eine inhaltliche, kritische Auseinandersetzung mit der Welt, sondern diene vielmehr der „Marktbeobachtung“, ist Kompass und Vorgabe für das eigene Schaffen.

In einem Akt einer kreativen Selbstzensur stünden bei der Schaffung eines Werkes dann nicht mehr persönliche Fragen, also Inhalte im Vordergrund, sondern eher Stil, Verpackung, Form.  „Eigenständigkeit“ wäre dann eher Ornament, „Logo“, um unter dem vielen Ähnlichen der eigenen Konfektion zu besseren Marktchancen hinsichtlich der Konkurrenz zu verhelfen. Die vorhandene Intelligenz, Sensibilität, Kreativität und Energie wird nur noch dazu verwendet, das eigene Schaffen in den Grenzen des „Verkaufbaren“ und „politisch Vertretbaren“ zu positionieren. Geht er von dem romantischen Begriff des unabhängigen Handwerkers aus, sieht er im Typus X eher den angestellten industriellen Fließbandarbeiter.

Für ihn lebt „Kunst“ von Beobachtung, Reflexion und Intuition jenseits antizipierter „Bedürfnisse“ der kauf- und verkaufsorientierten Umwelt.

Für X dagegen ist es nach dieser These nicht weit zum „Geniebegriff“, zur Überhöhung von Ideen und Personen, zur Einteilung in „gut und schlecht“, „über und unter“, „berechtigt und unberechtigt“. In einer demokratischen Gesellschaft wären diese Kategorien redundant, von „Kunst/Können“ über „Genie/Übermensch“ ist es nicht weit zu „Führer/Gefolgschaft“, also zu elitär-faschistischen Tendenzen.

Doch gerade dieses politisch korrekte, „antifaschistische“ Denken, klingt für Y nur auf den ersten Blick besehen klug durchdacht: im zweiten Blick ist es seiner Meinung nach das klassische Totschlagargument der Gegenwart: es „reguliert“ und desavouiert jegliche Kritik an einem „demokratischem“ System. Profund betrachtet, beweise es eher dessen Totalität in „fortschrittlicherer Form“, es zeige, wie seine Bewohner das „Richtige“, das von den Eliten „Gewollte“ denken und tun- ohne dabei offensichtliche physische und psychische Repression befürchten zu müssen. Wie sie in der Illusion leben, aus freien Stücken zu handeln, ohne zu bemerken, wie genormt, gleichförmig und systembejahend sie agieren, wie pluralistisch-reguliert sie -auch- im kreativen Bereich ihr Sein den (Markt-)Gesetzen unterwerfen. „Pluralismus“ fände ausschließlich innerhalb der Grenzen des „Zugelassenen“ statt.

X entgegnet, dass er sich vollkommen „frei“ in der Ausübung seiner kreativen Tätigkeiten fühle. Niemand würde niemanden verbieten, zu machen, was er machen wollte. Letztendlich müsse das Publikum entscheiden, was es sehen und hören wollte. Y`s Argumentation erscheine ihm deshalb respektlos, neige zu Arroganz und scheine ihm wehleidig, weil es das eigene Werk schon im Vornherein vor Misserfolg in Schutz nähme.

Y stellt darauf hin X`s Freiheitsbegriff in Frage: „Frei und unabhängig werden sich immer diejenigen fühlen, die gegen ein System nichts einzuwenden haben, die „erfolgreich“ in und mit den bestehenden Strukturen leben, die ja, da sie auf Marktgesetzen aufgebaut sind, dazu zwingen eben diese zu akzeptieren.“ Er fragt sich, was die Menschen, die ständig so stolz ihre Freiheit in ihrem System bestätigten, denn mit dieser Freiheit – beispielsweise in künstlerischen Dingen – anfingen. Letztendlich gäbe es maximal unterschiedliche Grade der Konformität.

Wer könne es sich denn leisten, Frau und Kinder zu haben, alle Must-Haves der schillernden Warenwelt UND gleichzeitig eine freie Meinung – nicht nur in Nebensächlichkeiten? Dazu brauche es Geld, so viel Geld, dass einer keine Aufträge brauche und keine Kunden und kein Wohlwollen der Gesellschaft. Wer aber so viel Geld beisammen habe, dass er sich wirklich eine freie Meinung leisten könnte, wäre aber meistens ohnehin mit den herrschenden Verhältnissen einverstanden.