IM REICH DER MITTE (I-V)

IM REICH DER MITTE (I-V)

 

I

Angestrengtes Triumphgeheul

– vorübergehende Arbeitsplatzsicherung –

wenn die ersten Poll-Ergebnisse kommen,

für die viel Geld ausgegeben wurde,

verrechenbar mit den Lizenzeinnahmen des Künstlers.

 

Marionetten am Strang der Quoten.

Seilschaften der anderen Art.

 

Gewinnspiele für Votings.

Ersteigerte Poles am Point of Sale.

 

Das berühmte „Sowohl als Auch“,

die verordnete Suche nach der „goldenen Mitte“

die aber

aufregend

sexy

einmalig

sensationell

so noch nie da gewesen

sein soll.

 

 

Dafür gibt es Spezialisten des

Product-Managements, des

Marketings, der

visuellen Kommunikation.

Sie sorgen für die kunstvolle Verpackung eines

erfolgreich entleerten Nichts.

 

Konstrukteure des Erfolges.

Sie machen immer einen „tollen Job“.

Für was auch immer. Ganz egal.

Doch wenn

Votings und Quotings,

Research und Polls,

Erhebungen und Umfragen

es nicht hergaben,

dann ist nur einer der Looser:  der

 

Urheber des Produkts,

der nun auch

Urheber des Misserfolgs, der sich nun

schämen muss und mit gezwungener Lockerheit

Besserung gelobt

für das nächste Mal, wenn es überhaupt noch ein

nächstes Mal für ihn gibt.

 

Der Arbeitsplatz ist in Gefahr.

Die Mitte war nicht mittig genug, oder etwa

zu mittig,

zuviel Sowohl, zuwenig Als Auch

oder

zu wenig Sowohl und zu viel Als Auch

oder was ?

 

 

II

Zauberformel.

Orakelhaft,

wie eine Naturgewalt unvorhersehbar,

diese Goldene Mitte,

die schnell die gähnende Leere wird,

die Niemandem im Business eine Lehre sein kann, denn

 

die Bilanzen des Controllers,

die Pläne des Aufsichtsrates und

die Erwartungen der Aktionäre

sagen etwas anderes.

 

Die Goldene Mitte, ist

das goldene Kalb,

das göttliche Flies,

nach dem alle ganz freiwillig suchen.

Think Tanks von freien Individualisten,

eingekaufte Experten,

Macher

des Geschmacks

mit einem Riecher für das,

was ankommt.

Was ankommen könnte.

Ankommen muss.

über einen Auf-Macher

zum An-Kommer  werden soll.

 

Aus freien Stücken bedienen sie sich der gleichen Codes.

Ganz frei entscheiden sie ganz unabhängig von einander

genau das Gleiche.

 

Freiheit ist immer die Freiheit der Einverstandenen.

 

Inhalte

 

frei

 

von

Hingabe,

Anteilnahme,

Persönlichkeit,

Irritation,

Widersprüchen,

Sperrigkeit,

Auseinandersetzung,

Kritik,

Vision,

Courage,

Chuzpe,

Mut,

Lust,

Esprit,

Emotion,

Verstand.

 

allerhöchstens:

Raffinesse,

Schlauheit,

Gewitztheit,

Gespür,

Professionalität;

 

gut kalkuliert,

klug dosiert,

witzig präsentiert,

geschickt oder frech

zusammen gerührt.

 

Den Anforderungen entsprochen,

die Vorgaben erfüllt,

mit präziser Selbstverständlichkeit.

Entspannt-undogmatisch-innovativ-dynamisch

die Zeichen der Zeit erkannt.

 

 

Früher sprach man – in anderen Zusammenhängen- von:

Linientreue,

Untertanengeist,

Unterwürfigkeit,

Kadavergehorsam,

Gleichschaltung,

verordneter Kunst,

Apparatschicks,

Hunderfuffzigprozentigen,

Erfüllungsgehilfen.

Verbot.

Diktat.

Zensur.

 

 

Heute ist das:

am Puls der Zeit sein,

das liefern, was die Leute wollen,

die Zeichen der Zeit und

die Herausforderungen des Marktes

erkennen und danach handeln.

Am Wettbewerb teilnehmen.

Erfolgreich sein.

 

Sie nennen es:

die Welt ein Stückchen schöner machen,

 

III

Diktat einer Ökonomie,

die sonst unablässig von

Freiheit,

Selbstverantwortung,

Mobilität,

Risikobereitschaft,

Innovation und

Ungebundenheit

schwafelt.

 

Übrig bleibt:

Effiziens im Sinne von Kapitalvermehrung.

Wenig Anderes.

 

Sprechen immerfort von der Mitte,

die wir dann als

die beste aller Welten ertragen müssen,

ganz freiwillig,

denn wir haben ja die Wahl,

denn wir entscheiden ja

über das, was im Wettbewerb stirbt und überlebt.

 

Und plötzlich reden sie von Sachzwängen, Gesetzen und Realitäten,

die anzuerkennen sind,

wenn sie vom freien Markt reden,

ohne die Freiheit des Einzelnen ja gar nicht denkbar.

 

Immer die goldene Mitte zu finden ist schwer,

wird zur Kunst

zur Kunst des modernen, zivilisiert – demokratisch – lässigen

Dolce-e-Gabbana – Duckmäusertums:

Bloß kein verkehrtes Wort,

bloß keine un-abgewogene Aüßerung.

Alles immer richtig machen,

also bloß keinen Fehler machen –

was in Wirklichkeit heißt:

nur so zu tun, als ob man eine eigene Meinung hat.

Meinungs-Simulation.

 

Leit-Bilder für das Album des

 

Panini-Pluralismus.

 

Die wenigeren Einen sind auf den Bildern zu sehen.

Die vielen Anderen dürfen sie sammeln, tauschen und einkleben.

 

Und davon träumen, selbst ein Albumbildchen werden zu dürfen.

 

Kommerziell,

ein immer manischeres Suchen,

eine irrsinnige Verdichtung.

Gesellschaftlich,

ein immer brutaleres Zerbröseln

dieser

Goldenen

Mitte.

 

Zauberwörter, die nichts anderes sind als codierte Regulationsgebote:

Political Correctness

Pluralismus

Toleranz

Respekt

Ausgewogenes Urteil

Kompetenz

Zivilisation

Wertegemeinschaft.

 

IV

Du, der Interpret,

der erst

tönen durfte und

tönen sollte, wie

toll und schön das alles ist.

Von den Machern im Hintergrund aufs beste

be-raten

unter-stützt,

re-touchiert,

auf-gebaut,

stil-isiert,

hoch-gehoben.

Bis Du selbst daran glaubtest,

dass es so ist.

Dass Du so bist –

Weil alle so sind.

Weil sich alle

so darstellen-

wenn sie Erfolg haben wollen.

 

Wenn es nicht gereicht hat,

wenn Dich der Markt ausgespuckt hat,

stehst Du nackt da.

Da ist die Öffentlichkeit gnadenlos.

Wenn auf den roten Knopf gedrückt wird.

Die schlimmste Demütigung.

Wenn Du hinter Deinem Rücken das verächtliche Getuschel hören mußt,

wenn Du in schmerzhaft-laute, direkte Häme der gelangweilten oder johlenden Meute blicken musst,

die einen Tag vorher schon in den Blättern stand,

wenn alle Sprüche, die -so gut gemeint- ins Image passten,

zum Boomerang werden.

 

Dann bist Du

nicht mehr

 

„die Sensation“,

„der neue Shooting Star“,

„das Beste seit XYZ“,

 

sondern

 

eine Lachnummer.

Der letzte Dreck.

Ausschuß.

 

Es fällt Dir schwer, das zu verstehen,

es fällt Dir schwer, Dich neu zu ordnen,

denn Dein Gesicht kannst Du nicht überschreiben.

Jetzt musst Du Dich wieder eingliedern,

ohne Bewährungshelfer,

in die 2. Klasse.

Ein Downgrade aus der schwindelnden Höhe hinab.

 

 

Man hat es Dir nicht abgekauft.

 

Du hattest Deine Chance.

Du hast sie nicht genutzt.

Oder ?

War doch fair.

Oder ?

Nicht jeder kann Oben stehen.

Oder ?

Denn dann gäbe es ja kein Oben.

Oder ?

Kein Oben und Unten.

Oder ?

Und wo es kein Oben und Unten gibt,

gibt es auch keine Freiheit.

Oder ?

Denn Gleichheit und Freiheit,

das passt nicht zusammen.

Oder ?

Entweder oder.

Oder ?

Also,

wo kein Oben und Unten,

da auch keine Freiheit.

Und folglich auch keine Goldene Mitte.

Oder ?

 

 

V

Die Ödnis im Reich der Mitte.

 

Parteienlandschaft,

Fernsehlandschaft,

Radiolandschaft,

Zeitungslandschaft,

Meinungslandschaft,

Produktlandschaft.

 

Vorabendserien,

Klatschkolumnen,

Quizsendungen,

Wahlveranstaltungen,

Fussgängerzonen,

Volksbefragungen,

Streitgespräche,

Gewinnspiele,

Gewerbegebiete,

Flurbereinigungen,

Hotelketten,

Ladenketten,

Verwertungsketten,

Firmenfamilein,

Produktfamilien,

Discounter,

Freizeit-Paradiese,

Flughafenhallen,

Erbauungsliteratur,

Eventkultur,

Erlebnisparks,

Lange Nächte,

Lounges,

Verkaufsoffene Sonntage,

Sonderaktionen,

Strukturaufbau,

Firmenallianzen,

Werbeslots,

Finanzspritzen,

Dienstleistung

Preisleistung,

Kundenfreundlichkeit,

Info Center,

Service Center,

Call Center,

Wellness Center,

Smart Design,

Product Design,

Think Tanks,

Coaching, Consulting, Commerce and more,

all in one,

all inclusive,

pay one, get three,

get it all,

hot line,

toll free,

feel free,

feel the difference,

make the difference,

think different,

be different,

be yourself,

be real,

just be,

lets make things better,

for a better world,

better price, better look,

we care,

we understand,

we love you,

I love it.

 

 

 

(1.Oktober 2006)